TV First: Multi-Plattform Strategie zur Videodistribution

Jim Louderback von Revision3 hat bereits angedeutet, wie wichtig unterschiedliche Screens und Plattformen für den Vertrieb von Videoinhalten sind.

We want to be wherever our audience happens to be in a video viewing mood, and that’s not always on YouTube.

Angesichts immer neuer Geräte und Plattformen stellt die Verbreitung von Bewegtbildinhalten eine immer größere Herausforderung dar. Auf der einen Seite gilt es eine Multiplattformstrategie abzustimmen, die entscheidet auf welche Plattformen Inhalte vertrieben werden und auf der anderen Seite gilt es im Rahmen einer Multiscreenstrategie abzuwägen wie die Inhalte adäquat für verschiedene Screengrößen und Nutzungsszenarien aufbereitet werden.

Bei den Plattformen reicht die Bandbreite von Betriebssystemen wie iOS und Android über Standards wie HbbTV und HTML5 bis hin zu Services wie YouTube, Twitter und Facebook. Kombiniert man diese Komplexität noch mit multiplen Screengrößen wird daraus schnell ein undurchsichtiges Gebilde. Die Herausforderung ist Plattformen, Geschäftsmodelle, technische Rahmenbedingungen und Nutzungskontexte abzuwägen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Multiplattform Ansätze und Probleme

Trotz der Fülle an Plattformen ist die Verlockung groß möglichst jede existierende und neue Plattform zu bedienen, ist doch zumindest bis zu einem gewissen Punkt zu erwarten, dass die Plattformen dazu genutzt werden können um neue Nutzer zu generieren oder existierende Nutzer stärker zu binden. Allerdings besteht auf der anderen Seite die Gefahr der Fragmentierung.

Wenn für jede neue Plattform eine entsprechende App entwickelt werden muss, die im Zweifelsfall anders zu bedienen ist, neue Möglichkeiten, technische Gegebenheiten und Restriktionen besitzt wird es schwierig den gemeinsamen Nenner zu finden. Zudem geben Plattformen wie Facebook, YouTube und Twitter einen engen Rahmen vor in dem sich die Anbieter bewegen müssen und entscheiden oftmals selbst, welche weiteren Plattformen bedient werden und wie die Inhalte für die verschiedenen Screens aufbereitet werden. So kann man zum Beispiel im Web auf YouTube den eigenen Channel bis zu einem gewissen Punkt anpassen und gestalten. Sämtliche Einstellungen dort gehen jedoch verloren, wenn YouTube auf anderen Screens wie dem Smartphone oder dem TV genutzt wird.


Quelle: Nielsen und BBC iPlayer Performance

In Deutschland konzentrieren sich die Sender gerade auf HbbTV- und mobile Applikationen. Beides sicherlich interessante Plattformen, die aber wenn man sich die Zahlen aus US und UK ansieht zusammen unter 10% der Videonutzung ausmachen und so nicht wirklich kurzfristig zu einer signifikant höheren Bewegtbildnutzung beitragen werden.

Folgt man den Nutzungszahlen von Hulu, Netflix und iPlayer müssten Spielkonsolen im Fokus aller TV-Sender und Produzenten stehen. Die Playstation3 ist für Netflix und den iPlayer die wichtigste Plattform neben dem PC, die XBox ist es für Hulu. Auch in Deutschland stellen Konsolen eine interessante Plattform für Bewegtbildinhalte dar. Bis jetzt wurden 9,2 Millionen internetfähige Wii, XBox und PS3 verkauft, die in der Mehrzahl mit dem Internet verbunden sind. Damit bieten sie schon heute eine signifikante Reichweite, die von ConnectedTVs erst noch erreicht werden muss – es wurden in Deutschland bis jetzt ca. 6,4 Millionen internetfähige Fernseher verkauft.

Spielkonsolen als ultimative Videoplattform

Das Potential, das im Wandel von einer Spielkonsole hin zu einer Plattform für Videoinhalte schlummert haben alle Konsolen-Hersteller erkannt auf allen drei Geräten sind Apps für Videoinhalte aus dem Netz verfügbar. Microsoft geht jedoch einen Schritt weiter indem über XBox Live der Zugang zu kompletten Kabelkanälen und PayTV-Plattformen ermöglicht wird. Gerade hat Microsoft bekannt gegeben, dass in Zukunft auch Comcast, Verizon, HBO, Syfy, Bravo und Epix Inhalte auf der XBox verfügbar sind zudem wird das Content-Angebot in England und Spanien massiv ausgebaut. Diese Inhalte erweitern das bereits reichhaltige Bewegtbild-Angebot, das bisher AT&T U-Verse, Netflix, Hulu & ESPN sowie BSkyB in UK umfasste.

Nutzer können je nach Kabelanbieter und PayTV-Paket die Inhalte auf der XBox freischalten und darüber hinaus auf die kostenlosen Inhalte von Hulu oder ihren Netflix Account zugreifen – alle Inhalte werden über das Internet auf die XBox übertragen. Garniert wird der Service von Bing Universal Search, das einem per Sprachbefehl die richtigen Inhalte liefert. Der Service von Microsoft zeigt, dass auch die großen Kabelnetzwerke und PayTV Sender das Potential der Spielkonsolen erkannt haben. Die Partner lassen sogar zu, dass ihre Inhalte über eine einheitliche Suche aus dem ursprünglichen Bundle herausgelöst werden, was den Wert den sie der Plattform beimessen weiter unterstreicht.

Interessant ist, dass es keine Deutschen Partner gibt. Für die Deutsche Telekom wäre es ein leichtes genauso wie AT&T bei U-Verse die XBox als Set-Top-Box Alternative für Entertain anzubieten und auch Sky hat mit BSkyB eine Blaupause für die Integration.

Screen-Ansatz hilft bei der Fokussierung


Quelle: Nielsen, Sandvine und BBC iPlayer Performance

Doch es geht nicht nur um Spielkonsolen. Betrachtet man die Nutzung nicht nach Plattformen sondern nach Screens wird schnell klar, wo die Präferenz der Nutzer liegt. Bewegtbild wird auf dem Fernseher gesehen egal ob die Inhalte aus dem Netz kommen oder aus dem Rundfunk. Bei Netflix liegt die Nutzung am TV-Screen schon über der PC-Nutzung, der iPlayer ist auf dem besten Weg dorthin und auch für Hulu macht der TV-Screen schon fast ein Drittel aus – das obwohl die Empfangsoptionen hier noch nicht so umfangreich sind wie bei Netflix oder dem iPlayer. Die Videonutzung der Services auf dem Tablet oder Smartphone ist momentan noch ein Nischenphänomen, wobei hier vor allem mit zunehmender Verbreitung von Tablets ein starker Anstieg zu erwarten ist.

TV first

Betrachtet man diese Zahlen sollte der Kern einer Multiplattform-Strategie zur Videodistribution TV first sein. Es gilt zuerst Plattformen zu bedienen, die es Nutzern erlauben die Inhalte auf dem Fernseher zu konsumieren. Angesichts der eingeschränkten Navigationsmöglichkeiten am Fernseher sollte hier schnell das eigene Angebot platziert werden, denn ähnlich wie bei den Kanälen wird sich wohl auch bei den online Angeboten am Fernseher ein Relevant Set etablieren. In den USA sind mit YouTube, Hulu und Netflix schon drei Plätze im Set fest vergeben.

Neben der Frage welche Plattformen bedient werden und in welcher Priorität sollte zudem überlegt werden wie angesichts der vielfältigen Einflussfaktoren seitens der Plattformen die Identität des Senders bzw. des Anbieters gewahrt bleibt. Dabei geht es darum eine Lösung zu finden, die es einerseits erlaubt flexibel und schnell neue Plattformen zu bedienen und andererseits ermöglicht gewisse Grundstandards und Prinzipien auf jede Plattform zu transportieren damit das eigene Angebot nicht in einzelne Apps und Fragmente zerfällt.

Dieser Beitrag erschien im Rahmen der Gugel-Kolumne für das Blog des eVideo-Projektes der HTW Berlin. eVideo beschäftigt sich in ESF-geförderten, informalisierten Weiterbildungskursen mit verschiedenen Themen, um die Durchschlagskraft des Web 2.0 für die moderne Kommunikation zu erkunden.

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