Die Suche nach der TV-Killerapp

Smart-TVs waren das beherrschende Thema der diesjährigen IFA. Mit HbbTV und den Plattformen der Hersteller bieten die neuen TV-Geräte vielfältige Möglichkeiten Internetinhalte auf den TV-Screen zu transferieren. Doch ähnlich wie beim 3D Hype letztes Jahr brauchte es nicht lange bis kritische Stimmen laut wurden und die App-Strategie der Hersteller hinterfragten. Ein nicht ganz unerheblicher Einwand ist, dass die Apps einerseits den Bildschirm verunstalten und vom Fernsehen ablenken und andererseits kaum einen Mehrwert realisieren. Während Smartphones spätestens seit Angry Birds ihre Killerapplikation gefunden haben (Casual Games) suchen die TV-Hersteller noch nach der richtigen App, die ihren Plattformen zum Durchbruch und einem Mehrwert verhelfen.

Die Konzepte variieren doch im Prinzip fokussieren sich die TV-Applikationen momentan auf die gleichen Kategorien wie sie im Mobile-Sektor vorhanden sind: Nachrichten, Sport, Unterhaltung, Musik, Spiele, Social Networks etc. Die einzigen TV spezifischen Kategorien sind Mediatheken, Video on Demand-Angebote, die es jeweils Nutzern erlauben direkt über den Fernseher Bewegtbildinhalte abzurufen, und EPGs die dem Nutzer Orientierung bieten sollen. Vor allem die Video on Demand Angebote sind prinzipiell eine sehr interessante Kategorie erlauben sie doch allen möglichen Anbietern ihre Inhalte direkt ins Wohnzimmer zu übertragen. Doch die wenigsten Inhalteanbieter nutzen diese Möglichkeit bis jetzt. Es sind hauptsächlich die Sender, die ihre Mediatheken auch über die Fernseher abrufbar machen oder die existierenden VoD-Portale wie Maxdome die ihre Inhalte eben auch am Fernseher verkaufen.

Doch solange die Applikationen keine wirkliche Alternative zum aktuellen Programm bieten werden selbst so TV nahe Applikationen wie die Mediatheken zu keiner wirklichen Killerapplikation auf dem TV werden. Eine App die eine wirkliche Konkurrenz zum existierenden TV-Programm darstellt und sei es nur in einer kleinen Zielgruppe existiert meiner Einschätzung nach noch nicht. Um Konkurrenzfähig zu sein müssen Applikationen mehr bieten als ein Archiv an Einzelinhalten – sie müssten ein Programm inklusive der dazugehörigen Programmierung aufweisen und das für attraktive Inhalte, die so nicht im TV zu sehen sind.

Ein- und Ausgabeproblem

Spiele-, Nachrichten- und Social Networking-Apps haben ein weiteres Problem: die Ein- und Ausgabe. Mit den klassischen Fernbedienungen kann kein Nutzer sinnvoll Text eingeben und die Bedienung von komplexen Interfaces gerät zur Herausforderung – vor allem dann, wenn man nicht alleine vor dem Fernseher sitzt. In der Gemeinschaftssituation werden zudem anderen Zuschauer schnell ungeduldig, wenn sie bei der Navigation durch Interfaces zuschauen müssen und natürlich wollen sie auch mitreden wohin navigiert wird und was ausgewählt werden soll. Dies macht das Ganze zu einer ermüdenden Erfahrung. Das Ausgabeproblem verschärft sich zudem, wenn es um Social Media Applikationen oder generell persönliche Informationen geht. Es möchte sich wohl kaum einer die Blöse geben und seinen persönliche Facebook Newsfeed für den ganzen Raum auf den Fernseher projizieren.

Killer-App: TV und Smartphone Synchronisierung

Doch im Ein- und Ausgabe-Problem steckt auch schon ein Teil der Lösung. Meiner Einschätzung nach ist die Killer-Applikation für den Fernseher ein kleines Sync-Programm, das den Fernseher mit dem Smartphone verbindet und sämtliche Bedienelemente und persönliche Informationen auf dieses auslagert. Der Fernseher wird also nur noch zum Abspielmonitor für ausgewählte Inhalte. Apples Airplay weist hier den Weg indem es iPad Inhalte auf den Fernseher bringt, doch die Integration sollte noch tiefer gehen. Die Verbindung darf nicht nur in eine Richtung funktionieren sondern muss auch den Rückkanal abdecken. Das kleine Programm kann dem Smartphone mitteilen, welcher Inhalt gerade am TV läuft und an welcher Position dieser Inhalte momentan ist. Damit erlaubt die Sync-Applikation eine Vielzahl von SecondScreen Apps, die sich auf das momentan gesehene Programm beziehen können und nicht auf Umwege wie die Sounderkennung oder Check-Ins zurückgreifen müssen.

Erste Ansätze

Samsung hat erkannt wie wichtig das Smartphone für die Zukunft des Fernsehens sein wird. Deshalb ruft die neuste Free the TV Challenge Entwickler dazu auf konvergente Applikationen für Smartphone und TV zu entwickeln, die die jeweiligen Stärken ausspielen.

Einen Schritt weiter ist Flingo, das Startup versucht einen Standard zu etablieren mit dem beliebige Inhalte auf den Fernseher über eine Webanwendung gesendet werden können.

Den kompletten Sync in beide Richtungen möchte Anthony Rose, der ehemalige iPlayer Head, mit seinem neuen Startup Zeebox abbilden. Eine iPad-App soll einerseits TV-Geräte fernsteuern können und andererseits kontextuell passende Inhalte darstellen. Über ein Plugin auf den Fernseher weiß die App jeweils was gerade läuft und an welcher Position sich der Nutzer befindet. Damit erlaubt das Startup letztlich beliebige TV-Inhalte mit dem Webkontext zu verlinken und befreit das Fernsehen aus seinem Broadcast Container.

Killer-App befreit den Fernseher

Natürlich werden wir in den nächsten Jahren eine Fülle an interessanten und gut gemachten TV-Apps erleben, doch richtig abheben wird das Ökosystem meiner Meinung nach erst, wenn es Applikationen schaffen Smartphone und TV sinnvoll miteinander zu verknüpfen, so dass die beiden ihre jeweiligen Stärken ausspielen können. Ein weiteres Segment in dem wir Killer-Apps erleben könnten wären Programm-Apps, die einen gänzlich neuen TV-Sender beinhalten, der so nicht über die klassischen Verbreitungswege empfangbar ist.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Seh ich auch so: gesyncte SecondScreen Apps machen deutlich mehr Sinn als mit privaten Facebook-Messages den Rest der Familie zu verstören.

    Zeebox: echtes all Star-Team. Automated Content Recognition (ACR) ist allerdings ebenso spannend wie teuer. Mit „TV Commerce“ würd ich das nicht refinanzieren wollen, aber relevante B2B-Use Cases könnte ich mir schon zwei oder drei vorstellen.

  2. Pingback: Videotrends in 2011 und 2012 | Digitaler Film

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