TV as a Service

In den letzten beiden Artikeln dieser kleinen Serie hatte ich zuerst die Hardwareplattformen für Internet auf dem Fernseher vorgestellt und dann die verschiedenen Betriebssysteme, die auf dieser Hardware laufen eingeführt. Seit dem letzten Beitrag kam nun heraus, dass Google Android aktiv in Richtung eines TV-Betriebssystems weiterentwickelt. Das Interessante daran ist, dass alle Kommentatoren die größte Herausforderung nicht bei der Hardware oder beim Betriebssystem sehen sondern im richtigen Interface und der Aufbereitung der Internetinhalte für den Fernseher:

Television is a relatively unexplored frontier for Google. It’s one of the few spaces left in which the company it is yet to extend its services (as well as its advertising.) But Google TV is far from a sure thing. Many companies have struggled to figure out the right user interface to finally make web on TV make sense. Google’s interfaces tend toward the functional, rather than the beautiful, but on a big screen, the sexiness factor cannot be ignored.

Genau um dieses Puzzlestück dreht sich dieser Artikel, es soll geschaut werden was Services auf dem Fernseher ausmachen und wie sich TV dadurch wandelt.

Die neuen Möglichkeiten der Hard- und Software bedeutet zuerst einmal Eines nämlich der Fernseher im Wohnzimmer wird seiner klassischen Funktion beraubt. In der Vergangenheit waren Fernseher und Fernsehen ein und dasselbe. Dies ist nicht mehr der Fall, wenn das Internet auf dem Fernseher Einzug erhält. Genauso wie Telefonieren heutzutage auf Smartphones nur noch ein Applikation von vielen ist, wird Fernsehen zunehmend zu einem Service neben vielen anderen werden. Dies bedeutet der Fernseher wird zu einem zusätzlichen Screen im Wohnzimmer und damit seiner klaren Funktion beraubt. Auf der anderen Seite bedeutet diese Entwicklung aber auch, dass sich das Fernsehen wandeln muss und sich ein neues Selbstverständnis erarbeiten muss. TV wird zu einem Service und damit stellen sich für das Fernsehen die gleichen Herausforderungen wie z.B. Softwarefirmen, Spielehersteller und Telefonanbieter.

Was ist TV as a Service?

TV as a Service hat viele Analogien zu Software as a Service (SaaS) von daher kann man versuchen die Charakteristiken von Software as a Service auf TV as a Service zu mappen. Wikipedia führt folgende Merkmale für SaaS an:

  • network-based access to, and management of, commercially available software
  • activities managed from central locations rather than at each customer’s site, enabling customers to access applications remotely via the Web
  • application delivery typically closer to a one-to-many model (single instance, multi-tenant architecture) than to a one-to-one model, including architecture, pricing, partnering, and management characteristics
  • centralized feature updating, which obviates the need for end-users to download patches and upgrades.
  • frequent integration into a larger network of communicating software – either as part of a mashup or as a plugin to a platform as a service.

Diese lassen sich wie folgt für TV as a Service adaptieren:

  • TV as a Service erlaubt den Zugriff auf TV-Inhalte über das Internet. Die Inhalte können zudem über das Internet verwaltet, manipuliert und adaptiert werden.
  • TV as a Service verwaltet den Zugriff zentral und speichert den letzten Zustand des Services und erlaubt es so dem User von überall und mit beliebigen Geräten auf den Inhalt zuzugreifen.
  • TV as a Service behält – zumindest in der Standardkonfiguration – seine Linearität und das Broadcast one-to-many Modell bei.
  • TV as a Service Inhalte sind tiefer und erlauben es innerhalb des Frameworks mehr zu erleben als im klassischen TV.
  • TV as a Service lässt sich nahtlos in andere Web- und Internet-Services integrieren, dazu werden Schnittstellen bereitgestellt.

TV as a Service ist somit als Komplement zum klassischen TV zu verstehen. Wenn das Internet auf den Fernseher wandert, muss das Fernsehen ins Internet wandern um seine Bedeutung zu behalten und weiterhin entsprechende Nutzerzahlen aufweisen zu können. Anders als zum Beispiel bei Print-Inhalten hat es das Fernsehen im Moment noch relativ gut, denn Fernsehen ist noch kein nativer Teil der Netzes geworden. Somit bietet sich die Chance für die TV-Sender diese Zukunft mitzugestalten.

Implikationen von TV as a Service

TV as a Service hat weitreichende Implikationen:

  1. Das Fernsehen löst sich von seinen klassischen Übertragungswegen, wie Kabel, Satellit und Terrestrik und betrachtet das Internet als gleichwertigen Teil des Distributionsmixes.
  2. Die geschlossene Struktur des Fernsehens wird aufgebrochen und es bilden sich neue Dienste und Integrationsmuster. TV Inhalte könnten über APIs angesprochen, referenziert und geremixed werden.
  3. Linearität ist nur noch eine Option. Während der lineare live Broadcast weiterhin der Standard für den Konsum für TV-Inhalten bleiben wird, fordert TV as a Service die Option alle Inhalte auch on demand zu sehen und das über Sendergrenzen hinweg.

Entwickelt sich TV in diese Richtung könnten sich neue Konsumgewohnheiten ergeben. So gibt es schon jetzt viele Communities Rund um TV und Twitter ist regelmäßig voll von TV-Tweets aber bis jetzt ist immer ein Medienmix notwendig (PC, Handy und Fernseher) um die beiden Welten zu verbinden. Mit TV as a Service könnten integrierte Lösungen entstehen entweder auf dem Fernseher (Twitter-Applikation, die sich ins TV einhängt), oder im Web und auf Mobilengeräten.

Potential liegt zudem in einer offenen Schnittstelle, die Zugang zu den Inhalten, den Metadaten und im Idealfall auch dem Archiv bietet. Wer würde nicht gerne in seine Tweets zum laufenden Programm einen Link einfügen, der den Nutzer direkt dorthin führt?

Erste Gehversuche

Die große Mehrzahl der momentan existierenden Services rund um TV lassen den Kern des Fernsehens (Linearität und Distribution) unangetastet. Sie ergänzen entweder das Programm (MLB), verlängern es (iPlayer) oder konkurrieren mit ihm (YouTube, Netflix).

BBC iPlayer

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Die BBC ist wieder einmal Vorreiter, wenn es darum geht das Fernsehen weiterzuentwickeln. Der BBC iPlayer war ursprünglich für das 7-Tage Catch-up konzipiert, hat sich aber schnell zu mehr entwickelt. Mittlerweile stellt der iPlayer die BBC Inhalte auf 15 verschiedenen Plattformen sowohl als Stream, live Stream oder als Download bereit und unterstreicht damit den Service-Ansatz. Mit dem iPlayer bleibt es dem Nutzer überlassen, wann er welchen Inhalt in welchem Kontext nutzen möchte sei es auf Symbian, dem iPhone, der PS3 oder der Wii.

Dass sich diese alternativen Plattformen durchaus lohnen können, sieht man an den Nutzungszahlen. Die PS3 ist für 10% des iPlayer Traffics verantwortlich und weitere 7% der Request kommen über das iPhone.

Neben dem iPlayer stellt die BBC Entwicklern Schnittstellen und Informationen bereit mit denen sie Applikationen rund um die BBC-Inhalte entwickeln können. Die Programminformationen sind dabei genauso zugänglich wie die Tweets der BBC Mitarbeiter.

Netflix Watch Instantly

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Während die BBC versucht die eigenen Inhalte zu verlängern, ist Netflix dabei mit Watch-Instantly die Transformation des eigenen Geschäftsmodells voranzutreiben und den Postversand von DVDs zunehmend durch Streaming zu ersetzen.

Im Zuge dessen ist es für Netflix wichtig seine Filme auf den Fernseher im Wohnzimmer zu schicken. Dazu hat Netflix seine Service-Architektur so aufgesetzt, dass sie mittlerweile auf der XBox, der Wii und der PS3 vertreten sind. Darüber hinaus werden auch mobile Services (iPhone, Windows Phone7, Nintendo DS) evaluiert. Zudem wird die langjährige Partnerschaft mit Roku gepflegt, der Beginn von Netflixs Einzug ins Wohnzimmer.

Netflixs streaming Volumen ist so stark gewachsen, dass selbst Akamai (Akamai ist bekannt für seine Premium-Preise) seine Preise mehr als halbiert hat um Netflix als Kunden zu gewinnen. Netflix bezahlt jetzt bei Akamai nur noch 1,5 Cent pro Gigabyte. Somit können selbst HD-Filme für wenige Cents an den Kunden gestreamt werden, was deutlich günstiger sein dürfte als die Lieferung per Post.

YouTube

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Anders als die BBC und Netflix musste YouTube relativ wenig dafür tun als Service auf möglichst vielen Geräten im Wohnzimmer vertreten zu sein. Die Marke hat eine solche Strahlkraft, dass kein TV- und Boxen-Anbieter es wagt mit einem Angebot auf den Markt zu kommen, das keinen Zugriff auf YouTube erlaubt. Somit reichten die YouTube API und YouTube XL um in eine komfortable Lage zu kommen.

MLB

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MLB.TV ist ein Paradebeispiel, wenn es darum geht, wie ein TV as a Service Angebot aussehen kann. Schließt man ein MLB.TV Abo ab, kann man nicht nur auf dem Fernseher MLB.TV sehen, sondern auch auf dem PC, dem iPhone oder der Roku-Box. Dabei sind die online Dienste deutlich umfangreicher als das Fernsehangebot. Der User kann sich interaktive Statistiken zum Spiel einblenden, mehrere Spiele gleichzeitig sehen, Szenen wiederholen, Highlights abspielen und vieles mehr. Natürlich kann er auch das aktuelle Spiel live und in HD über das Netz sehen.

Gerade haben ESPN und MLBAM (die Firma hinter MLB.TV) bekanntgegeben, dass ESPN auf die Technologie von MLB.TV für die eigene Seite zurückgreifen wird, was wohl ESPN-Kunden in Kürze auch die Möglichkeit geben wird ihren Sport-Kanal als Service auf allen möglichen Geräten zu nutzen. Diese Vereinbarung zeigt zudem, dass sich ein Sender mehr erarbeitet als nur weitere Zuschauer, wenn er den Weg in die TV as a Service Zukunft konsequent verfolgt.

Fazit

Die Implementation eines TV as a Service Modells von allen Sendern könnte die Entwicklung, die YouTube begonnen hat, zu einem versöhnlichen Abschluss für alle Beteiligten bringen. Für Fernsehsender bietet sich hier eine einmalige Chance direkte Kundenbeziehungen zu erarbeiten und zusätzliche Nutzer für das eigene Programm zu gewinnen. Daneben bietet sich natürlich für Fremdanbieter die Chance den TV-Sendern ihr Publikum auf dem TV-Screen streitig zu machen und diese Nutzer mit Casual-Games, Video-on-Demand und Kommunikationsdiensten statt TV zu unterhalten.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der monatlichen Gugel-Kolumne für das Blog des eVideo Projekts der HTW Berlin.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Lesenswerte Artikel – 23. March 2010

  2. Mal wieder ein toller Artikel. Auf dem SMWF habe ich eine meiner Meinung nach perfekte Verknüpfung von Web und TV gefunden. OONA von NDS. Diese Live-Demo hat mich echt umgehauen. Leider gibt es kein Video dazu. http://www.nds.com/solutions/oona.php hier noch die Produkseite von OONA.

  3. In seinem Panel bei SXSW hat Tim Kring gezeigt, wie sich auf der Basis dieses Ansatzes die Produktion der Inhalte und damit der Erzählmuster ändern wird: TV as Service öffnet den lineraren Inhalt zu einer vielzahl von nichtlinearen Möglichkeiten. Heroes – die Serie, deren Creator Tim Kring ist – benutzt einen 360° Ansatz des Storytelling, der neben der klassischen TV-Serie auch Webisodes und Graphic Novels, Fanbased Wikis und Social Media Discussions berücksichtigt und in das Storytelling integriert.
    So wird aus einer lineraren Serie ein Storytelling Ecosystem, dass durch einen solchen Service, wie du ihn beschreibst, bedient werden kann.
    Tim Kring sagt: Heroes happened when NBC wanted used new media for marketing: there was no pressure to monetize the transmedia aspect.
    Trotzdem wird es natürlich die nächste Herausforderung sein, das zu monetarisieren. Denn mit den TV as Service steht das bundling-Geschäftsmodell von Sendern, die einem reichlich Dinge verkaufen, die man nicht haben will, damit man die bekommt, die man haben will, in Frage. Die Produktion solcher Inhalte wie Heroes wird aber weiterhin Geld kosten.

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