YouTubes Potential in Deutschland?

Angesichts der 100 Millionen Euro Bewertung von Sevenload keimt zurecht wieder die Diskussion zur Vermarktbarkeit der verschiedenen Videoportal auf. Kein Wunder ist doch die Refinanzierung dieser Portale noch die große Unbekannte und das trotz einer Vielzahl von mehr oder weniger kreativen Werbemitteln auf den Portalen. Mittlerweile werden neben Bannern, Anzeigen im Video (Overlays, Post-Roll-Banner), Pre-Rolls, Post-Rolls, „Spot-Promotion“ (ein Spot wird auf der Startseite platziert), Branded-Channels und verschiedenste Wettbewerbe vermarktet.

Dabei sind die deutschen Anbieter lange nicht so selektiv und zurückhaltend wie YouTube. Alle drei deutschen Videoportale setzen auf Pre-Rolls und zum Teil massive Bannerflächen. Der Marktführer hingegen zeigt lediglich ein Banner neben Partner-Videos und auf Übersichtsseiten. Des Weiteren setzt YouTube auf Branded-Channels ($200.000 einmalig), Spot-Promotion ($175.000 pro Tag) und größere Wettbewerbe sowie die InVideo-Ads, die allerdings ebenfalls nur bei Partner-Videos laufen. Seit neustem können Werbetreibende zudem über das soggenannte Buzz-Targeting das Umfeld von Videos buchen, deren Zugriffszahlen besonders schnell wachsen bzw. die kurz davor stehen richtig viral zu werden.

YouTubes Umsatzprognosen

Aus diesen Rahmendaten haben in letzter Zeit verschiedenste Experten versucht Umsatzprognosen für YouTube zu erstellen. Diese Prognosen reichen von Morgan Stanleys $75-189 Millionen im Jahr durch InVideo-Ads über Bear Stearns $100 Millionen (davon $90,2 Millionen in den USA und $22,6 Millionen durch InVideo-Ads) und Forbes $200 Millionen bis hin zu Citigroups $491 Millionen, die YouTube einnehmen könnte, wenn sie Banner auf allen Seiten verkaufen würden.

Aus diesen Zahlenspielen lässt sich noch nicht besonders viel für den deutschen Markt ableiten, deshalb die Frage: Wieviel vermarktbare Reichweite hat YouTube in Deutschland? Um daraus einen Eindruck zu bekommen wie groß der deutsche Markt eigentlich ist.

Partnerreichweite

Leider lassen sich die Page Impressions, die YouTube aus Deutschland auf den Übersichtsseiten erzielt nicht so einfach von außen ermitteln. Doch dafür lässt sich die Anzahl der vermarktbaren Videostreams recht einfach ermitteln. Angenommen YouTube verfährt in Deutschland analog zum US-Markt, dann sind nur die Partneraccounts für die Vermarktung relevant. Diese Accounts haben bis jetzt insgesamt in etwa 170 Millionen Videoabrufe generiert. Täglich kommen zwischen 930.000 und 1,1 Millionen neue Abrufe hinzu. Das sind die Abrufe über die 100 meist gesehenen deutschen Partner-Channels. Dabei zeigt sich eine recht breite Streuung, die zwischen 69 Millionen und 36.000 insgesamt abgerufenen Videos liegt.

Doch nicht alle Partner-Channels sind vermarktbar. Das ZDF (keine Werbung), Justintimberlaketv (US-Vermarktung) und diverse ParteienChannels fallen ebenso aus, wie Organisationen und Initiativen. Übrig bleiben meiner Meinung nach 87 Channels mit 750.000 bis 850.000 täglichen Streams.

Die Top 5 sind (nicht ganz exakt da die Views von Tag zu Tag sehr stark schwanken können):

  1. UrbanDE (ca. 110.000 Views/Tag)
  2. Pop24 (ca. 80.000 Views/Tag)
  3. d11bTV (ca. 70.000 Views/Tag)
  4. VertigoTV (ca. 45.000 Views/Tag)
  5. Revolverheld (ca. 35.000 Views/Tag)

Von diesen Top 5 handelt es sich lediglich bei d11bTV um keine Musikvideos. Auch sonst sind Musikvideos das dominierende Genre bei den Partnern.
Top 5 Partner Reichweite

Rechnet man mit der Reichweite der vermarktbaren Partner kann man folgende Rechnung zum Umsatzpotential von YouTube in Deutschland aufmachen. – Wohlwissend, dass dies eine Milchmädchenrechnung ist, aber es macht soviel Spass am Ende eine Summe zu sehen.

750.000 tägliche Videoabrufe * 30,5 Tage * 12 Monate * 10% Wachstum = 301.950.000 Streams der vermarktbaren Partner im nächsten Jahr. Diese 301.950.000 Streams / 1000 * den CPM von 15 Dollar, den YouTube in den USA erzielt * einen Abschlag von 0,625 weil nicht jedes Video mit InVideo-Ads abgespielt wird und oftmals nur die Companion-Ads/Banner angezeigt werden ergibt ein Umsatzpotential von 2.830.781 Dollar, das YouTube in Deutschland mit InVideo-Ads im nächsten Jahr erwirtschaften könnte.

Wenn ich mich jetzt nicht an einer Stelle komplett vertan habe, dann ist dies ein recht beschaulicher Betrag. Das liegt zum einen an der Entscheidung nur Partnervideos mit InVideo-Ads zu versehen zum anderen daran, dass weitere Umsatzpotentiale wie die Banner, Promotion usw. nicht berücksichtigt wurden.

Fazit

Die Bewertung von Sevenload mit 100 Millionen, die Übernahme von MyVideo durch ProSiebenSat.1 und das Engagement von Google und RTL mit YouTube und Clipfish im Deutschen Markt können trotz allem nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Videos und insbesondere bei der Werbung in Videos um einen extrem jungen Markt handelt. Ein Investment in eines der Videoportale ist somit vor allem eine Investition in die Zukunft, in Technologie oder eine massive Userbasis aber noch lange kein Investment in ein klar definiertes Geschäftsmodell.

16 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Was soll man dazu sagen: Recht hat er der Bertram.

    Wenn man jetzt noch berücksichtigt, das d11b.tv ein Testmarkt ist auch für youtube und die das bewusst pushen, um zu sehen wie weit man kommen kann, dann bleiben am Ende bisher nur Musikformate übrig.
    Aber das kann sich ja ändern.
    Bisher gibt es meiner Meinung nach für seriöse Contentproduzenten bei Youtube noch kein Geschäftsmodell, was einem eine Refinanzierung garantieren könnte, nicht einmal im Ansatz. Also bleibt es abzuwarten und sein Ding durchzuziehen, was da heisst: Mehrkanalstrategie und Lizensierung. Ab und zu mal ein Ausflug mit dem einen oder anderen Partner in ein Rev.-Share Modell um sich zu versuchen, aber wo man von vornherein weiß, da kommt am Ende des Monats eine Kiste Bier bei herum, dann läßt man es wieder.

  2. @Bertram/Michael – quasi eine „Insider“ Diskussion:
    Eine Vollrefinanzierung ist auch beim Marktführer offenbar nicht gegeben, aber das hat hoffentlich niemand erwartet. Aber am Ende des Tages muss die kumulierte, echte Zuschauerzahl entweder durch VIEWS und/oder einer zusätzlichen, transaktionsbezogenen Aktivität (Warenkauf, Bannertausch, Site-traffic-Zufuhr etc. etc.) gerechtfertigt werden. Denn kein Marktteilnehmer kann ohne mittel- und langfristige Refinanzierung „überleben“.
    Nach meinen Berechnungen kann ein Video rein über Web (div. Hoster etc.) ab ca. 1 Mio. Views bei Billigproduktionen und 5 Mio. Views bei mittleren Produktionen finanziert werden. Naja – dahin ist es noch ein Weg, der nur einigen, sehr wenigen Web-TV-Contentproduzenten offen stehen wird. U.a. diejenigen haben eine gute Chance, die jetzt Formate erfolgreich platzieren.

  3. Jo das sehe ich auch so. Aber gut das das mal einer prof. anpackt – nämlich Youtube. Alle anderen bekannten Videoportale versprechen leider immer nur das Blaue vom Himmel.

  4. Bei allen Betrachtungen vergisst Du leider, dass wir derzeit das meiste Geld an Videotraffic, Whitelabel und Playerbranding (Portal Partnerschaftsgeschäft) also B2B verdienen. Und dieser Bereich ist enorm ausbaubar – siehe Brightcove. Sorry Bertram, Du denkst wieder sehr einseitig.

  5. Hallo Ibo,

    ich hab geschrieben „Ein Investment in eines der Videoportale ist somit vor allem eine Investition in die Zukunft, in Technologie oder eine massive Userbasis aber noch lange kein Investment in ein klar definiertes Geschäftsmodell.“ Darunter fällt meiner Meinung nach das B2B Geschäft mit Traffic usw. Und ich nehme schwer an, dass gerade Eure Technologie mit ein Hauptgrund für die Bewertung ist.

    Dass B2B ein Markt ist keine Frage. Nur war das nicht der Fokus des Artikels – ich wollte darstellen wie es um die Videowerbung auf YouTube usw. steht. B2B ist ein separates Thema nur seh ich da leider noch keinen deutschen Anbieter auf einem Niveau mit Brightcove, thePlatform usw.

    Gruß bertram

  6. Die Frage ist doch aber jetzt nicht was Du Ibo verdienst, sondern was für den Contentanbieter hängen bleibt. Denn nur wenn die befriedigt werden dann kommt auch immer schön Premiumcontent nach. Ich denke wir wissen alle, das diese "Hund fährt Fahrrad" oder "Baby fällt von Schaukel" Videos nicht vermarktbar sind.

    Also lizensiere ich momentan lieber raus und weiss was ich am Ende des Tages habe und kann so meinen Mediaplan einhalten und auch neue Formate entwickeln und produzieren.

    Was aber auch gut funktioniert ist: Ich bringe einem Portal oder Sender den Content UND den Werbekunden mit. Aber das darf kein muß sein, sondern ergibt sich hier und da.

    Aber auf Dauer gesehen, wenn man als Contentanbieter auch über einen guten Vertrieb vefügt, ist das mein Geschäftsmodell.

    Content wird lizensiert sodass man eine Garantiesumme hat. Anbieter bringt Werbekunde mit, und die Media wird zusätzlich verprovisioniert.
    Wir sprechen ja dann von einer Channelvermarktung als nicht nur Preroll – oder Postrollads usw. sondern auch Banner, Wallpaper usw in dem Channel.

  7. Guter Beitrag, auf der letzten Cebit hab ich mir auch ein paar interessante Veranstaltungen zu diesem Thema angeschaut. Die Branche schwört jedenfalls auf die Zukunft der Video Ads bzw. InVideo Ads.

  8. Ich beschäftige mich gern mit den Portalen und momentan vor allem mit den großen Videos. Da hat ein Video 12.000.000 Views. Erst einmal könnte die theoretisch auch Thomas Gottschalk (Oder das Traumschiff mit 7 Millionen Zuschauern)an einem Abend in Europa schaffen, doch vielmehr interessiert mich die Sprache.

    Sagen wir mal das Video mit den 12 Mio. Views ist in deutscher Sprache. Dann haben es doch auch 4-8 Millionen Amis angeklickt, kein Wort verstanden und beendet. Somit ist ein View nicht mehr als ein Klick und niemand kann bisher genau wissen, wann wer abschaltet, welche Sprache er beherrscht und ob er nur mal kurz sehen wollte, warum das Video 12 Mio. Views hat?

    Ich selbst schaue mir ein lustiges Video auch sicherlich nicht nur einmal an. Subtrahiert man also noch einmal ein gutes Drittel der Views, so ist YouTube quotenmäßig bei den dritten Programmen anzusiedeln.

    Daher glaube ich an deine These. Es ist erst der Anfang und gerade erst versucht MySpace auf seiner Plattform eine eigene WebTV Soap zu vermarkten. Niemand ahnt wie es geht, was genau geht und wie es sich entwickeln wird. Spannend bleibt es aber auf jeden Fall und ich glaube das Firmen gut beraten sind in diesen Markt zu investieren, um dabei zu sein, wenn ganz neue Sender entstehen.

    Ich sehe dann irgendwann meinen Sohn/Tochter sagen:

    Papa,Papa in den „YouTube News“ wird gerade bekannt gegeben, dass der dritte Weltkrieg begonnen hat ;-)

  9. Ich denke auch: wir stehen einfach nur vor einer verschiebung der lizentierten inhalte. das fernsehen wird integriert ins netz. und wir dort seine inhalte nach den privatfernsehen-prinzip verwerten.
    privat-videos werden zur nische, die seine eigenen channel bilden. das revolutionäre daran ist meiner ansicht nach, ist die chance zum besseren wettbewerb gegen die teilweise armselige content-bereitstellung von derzeitigen medienhäusern.

    d.h. man kann eigene channel gründen, z.b. exklusiv für eine selbstproduzierte serie, und dort vermarkten. entweder in kooperation mit einem medienanbieter oder mit einem direkten markenartikler oder investor. man muss nur die super-idee haben…grins
    …das vermarkten von blair witch project ist da immer noch eine benchmark…denn letztendlich kann gerade im internet immer noch mit guten ideen schnell eine kritische masse erreicht werden.

    portale wie youtube werden mit der zeit auch ihre probleme bekommen, wenn sie nicht irgendwann selbst input produzieren oder lizensiert, der einen gewissen erwartungsdruck standhält. denn wie einer der blogger hier richtig erwähnte: Musikvideos und amateurhafte pseudo-witzig gemachte inhalte reichen nicht auf dauer aus, dem werbetreibenden selbst (premium-marken z.B.) und natürlich den usern selbst auch nicht.

    das widerum gibt jungen kreativen die möglichkeit, content-dienstleister zu werden. denn die besten ideen kommen ja bekanntlich nicht aus dem unternehmen selbst, sondern müssen generiert werden…somit hat youtube sich in eine abhängigkeit begeben, die auf input von aussen abhängig ist.

    Das wird eine spannende zeit…für kreative, vermarktern und portalbetreibern gleichermaßen.

    ich gebe noch zu bedenken, dass bei youtube nur die jungen User hauptsächlich angesprochen werden…die zielgruppe mit der geringsten kaufkraft (ist-zustand). was ist mit portalen für bewegtbild mit zg wie 45-65 Jahren? da gibt es noch sehr wenig professionelles. also ich denke der bedarf wird steigen, gerade nach bewegtbild-ideen bzw. strukturen, und da gibt es noch viele nischen, die man bereitstellen kann von denen man betreiebswirtschaftlich leben kann.

    danke für das anstoßen dieses spannenden thema.

  10. @Marc: Vollkommen richtig. Vor allem könnte man mit einem Portal für ältere Leute richtig Geld verdienen. Man müsste einfach nur für „Doofe“ erklären wie man eine Digitalkamera anschliesst ;-)

  11. welcher der Youtube-Kanäle ist denn ein Branded-Channel bzw. wer muss hier 200.000 $ „Startgeld“ zahlen? Nur „Partner“ und „Sponsoren“ bzw. alle ausser „Non Profit“? Ich kann mir nicht vorstellen daß ein Plattenlabel 200.000$ für einen Youtube-Kanal zahlt …

  12. Pingback: INet-Blog.de » Blog Archive » YouTubes Potential in Deutschland

  13. Interessante Diskussion.

    Meines Erachtens liefern die Modelle der Videohoster keinen befriedigenden Return für Content-Bereitsteller.

    Es erinnert mich eher an small applications wie die „App Stores“ mit sog. Umsatzbeteiligung. Letztendlich wird die geleistete Arbeit (Genuin Content) zunehmend schlechter entlohnt. Sozusagen die Vorwegnahme der realen wirtschaftlichen Entwicklung in den westlichen Industriezonen.

    Kunst kommt bekanntlich von Verkaufen. Der Rest ist gebührenfinanziert. Wer also mit Bewegtbild-Inhalten Geld verdienen will oder muss, dem bleibt nur der vorherige Verkauf des Inhalts (Erstellung) und der Preis für das Hosting (Veröffentlichung, Branding). Ein klassisches B2B Geschäft.

    Wer seine nicht vorher bezahlten Inhalte veröffentlichen will, wählt ein eingebettetes Subventionsmodell (welches niemals die Kosten für die Produktion einspielen wird).

  14. Pingback: YouTube und Sevenload: Wer die Anreize richtig setzt » netzwertig.com

  15. Vollkommen richtig. Vor allem könnte man mit einem Portal für ältere Leute richtig Geld verdienen. Man müsste einfach nur für “Doofe” erklären wie man eine Digitalkamera anschliesst ;-)

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