YouTube = Kommunikation
Von Bertram am 25. April 2007. Abgelegt unter Artikel, Internet TV, Medien, VideohosterHeute hat das European Media Art Festival in Osnabrück begonnen, auf dem ich am Samstag einen Vortrag zum Thema Videoportale im Internet. Das Fernsehen von Morgen? halten werde. Als kleinen Appetithappen gibt es schon einmal vorab den ersten von drei Gründen für das Fernsehen.
Wer den Vortrag live und in Farbe erleben will kommt am Samstag um 12:30 Uhr ins Haus der Jugend in Osnabrück. Die Folien und zehn weitere Punkte gibt es dann ab nächster Woche hier im Blog zum Nachlesen.
YouTube = Kommunikation
Die meisten kennen die Situation: Nach dem Wochenende kommt man zur Arbeit und wird gefragt, hast du „Wetten dass?“ gesehen? Während meiner Schulzeit war zum Beispiel immer enorm wichtig TV Total gesehen zu haben um überhaupt am Gespräch in der Pause teilnehmen zu können.
In Amerika gibt es für diese Art der Kommunikation und Themensetzung einen Ausdruck. Man spricht dort vom Watercooler Effekt des Fernsehens, da anscheinend in Amerika die interessantesten Bürogespräche immer am Wasserspender stattfinden.
Der Watercooler Effekt des Fernsehens funktioniert in letzter Zeit jedoch immer schlechter. Die Kommunikation im Büro aber auch im Freundeskreis wird zunehmend technisiert. Heute verbreiten sich Nachrichten und Mitteilungen sehr schnell über Emails, Instant Messenger, Blogs und Soziale Netzwerke. Dadurch entsteht eine räumliche und semantische Lücke zwischen den Kommunikationspartnern die die ungestörte Unterhaltung über das Fernsehprogramm schwierig machen. Eine komplette Szene in eine Email zu schreiben ist nicht nur unpraktisch sondern lässt trotz großer Anstrengungen am Ende immer noch zu wünschen übrig.
Hinzu kommt noch eine zeitliche Lücke, die dadurch entsteht, dass immer mehr Menschen Fernsehen nicht mehr zur vorgegebenen Zeit sehen, sondern es zum Beispiel mithilfe von digitalen Videorekordern aufnehmen. Dies ist vor allem in den USA sehr verbreitet wo bereits fast jeder Fünfte über einen Digitalen Videorekorder verfüg. In Deutschland ist die Entwicklung noch nicht so weit. Die Fragmentierung des Angebots und der Interessen findet jedoch auch in Deutschland statt. So kann man nicht mehr ohne weiteres davon ausgehen, dass der Gesprächspartner die Sendung auch gesehen hat.
Diese Lücken bei der Kommunikation schließen YouTube und die anderen Videoportale indem dort die entsprechenden Stellen aus dem Fernsehprogramm einfach hochgeladen werden. Anschließend kann man sich in Emails, Instant Messenger oder Blogs darauf beziehen. Natürlich lädt nur ein kleiner Prozentsatz die Videos hoch doch die Intention hinter dem Bezug auf die Videos bleibt bei den Nicht-Uploadern die selbe.
Die Videos werden also nicht hochgeladen um Copyrights zu verletzen, das Fernsehen zu ersetzen oder die Produzenten zu schädigen sondern lediglich um sich über die entsprechende Szene aus der Sendung unterhalten zu können – und das möglichst im digitalen Umfeld. YouTube unterstützt die Kommunikation über das Fernsehen und multipliziert den analogen Watercooler Effekt um ein vielfaches.
Die Auswirkungen dieses hyper-effizienten Watercooler Effekts konnte man bei der NBC-Show Saturday Night Live beobachten. Durch die Verfügbarkeit verschiedener Ausschnitte des Latenight Comedy Formats auf YouTube erreichte NBC plötzlich eine ganz neue Zuschauerschicht. Besonderen Ruhm erntete dabei der „Lazy Sunday Rap“, der allein mehr als fünf Millionen Mal auf Youtube gesehen wurde. Diese Zuschauer kannten bis dato weder das Format noch waren sie besonders NBC affin. Das Ende vom Lied ist etwas unrühmlich. Die Quoten von SNL stiegen aber NBC bekam kalte Füße und ließ das Video zusammen mit weiteren 500 Videos von YouTube entfernen.
Mittlerweile hat NBC eine Partnerschaft mit YouTube genauso wie andere namhafte Sender wie CBS oder die BBC. Aus Deutschland haben die Kinowelt und die Deutsche Welle bereits offizielle Inhalte auf YouTube. Diese Sender haben erkannt, dass YouTube ihren Inhalten zu neuen Zuschauern verhilft und man YouTube gut für Promotionzwecke einsetzen kann.
Doch nicht nur Fernsehclips sondern auch viele User Generated Videos dienen hauptsächlich der Kommunikation. Urlaubsvideos, Videoblogbeiträge oder sportliche Leistungen werden hochgeladen um anderen eine Botschaft zu vermitteln. Seien es Eindrücke aus dem Urlaub, persönliche Befindlichkeiten oder eben die Selbstdarstellung. Diese Inhalte würden es in der Form nie ins Fernsehen schaffen. Die Videoportale haben für diese Inhalte eine ganz neue Plattform geschaffen auf der oftmals kleinste Gruppen sich mithilfe von Videos austauschen können.
Auch diese Form ist für das Fernsehen unbedenklich und stellt keine Bedrohung dar. Mit diesen beiden Faktoren sind mindestens zwei Drittel der Inhalte der Videoplattformen entweder unbedenklich oder förderlich für das Fernsehen.
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was passiert nun aber, wenn youtube eine eigene show auf englisch produziert? mit musikern? geschichten aus der youtube welt und aktionen mit den usern? und zwar auf tv-niveau!
momentan haben die portale oftmals eine unterstützende wirkung. doch was passiert, wenn ich mir das neue musikvideo von xy auf youtube frei ansehen und verlinken darf, aber unten drunter auf einmal der kauflink für den itunes-store steht? dann sind musiksender so ziemlich am ende.
es wird sicherlich noch etwas zeit brauchen, doch irgendwann könnte es gut passieren, dass ich mir als junger mensch die “youtube news” ansehe und nicht mehr die tagesthemen. ich stimme dir zwar prinzipiell in deinem gedankengang zu, doch sollte man die portale nicht in ihrem potential unterschätzen.
dann unterhalten sich nämlich weltweit teenager auf dem pausenhof über eine weltweite version von tv-total, welche sogar für jedes land mit einer passenden synchrospur angeboten wird.
vielleicht wird es dem zuschauer von morgen auch egal sein, ob der inhalt aus dem web kommt, da sein rechner mit dem netz verbunden ist und er zwischen tv, webvideo und dvd einfach mit ein und derselben fernbedienung zappt.
Hallo Rob,
alles richtige Punkte. Vor allem der mit den Musikvideos. Dazu komme ich auch noch, allerdings wollte ich nicht gleich den ganzen Vortrag posten, sonst wird es langweilig. Auch auf dem Blog sollte es einen Spannungsbogen geben ;)
Prinzipiell liegt die Gefahr jedoch nicht so sehr in “Internetvideos” sondern eben in den von dir angesprochenen Geräten und natürlich letzten Endes auch in den angebotenen alternativen inhaltichen Formaten. Was passiert z.B. wenn man 100 Rocketbooms hat statt nur eine Handvoll?
Gruß bertram
da stimme ich dir natürlich voll und ganz zu und bin sehr gespannt auf eine nachlese des vortrags!
besten gruß
rob
Ob das meißt etwas wirr anmutende Allerlei von Videoschnipseln a la YouTube unbedingt als “Kommunikation” geadelt werden muß, ist für mich fraglich. Im Ansatz ja, aber in der Durchführung oft dann eben doch nicht und knapp daneben ist halt auch vorbei.
Erst wenn die Internet-Kommunikation über das reine Zitieren hinausgeht, wird eine eigene Sprache daraus. YouTube hat die Sache in Gang gebracht, aber sind doch eher Portal wie Sevenload, die für eine entsprechende Weiterentwicklung und Ausschöpfung des Potenzials sorgen: nicht in Konkurrenz zum “Normal-TV”, sondern inhaltlich völlig unabhängig davon.
@ Betrm: Videoclips und UGC “unbedenklich”, “keine Bedrohung” oder sogar “förderlich”….?
Wen willst Du denn damit in den Schlaf wiegen? (oder geht hier nochmal um den famosen Spannungsbogen?) Das mögen heute 2/3 sein, aber das überwältigende Potenzial von dem wir hier reden, liegt ja nun genau im letzten Drittel, oder?
Bin schon mächtig gespannt auf Deinen Vortrag- cheers Oliver
Hallo Oliver,
ich will niemanden in den Schlaf wiegen allerdings, will ich damit den IST-Zustand darlegen (das wird mit den zwei weiteren Gründen für das Fernsehen noch deutlicher). Dass es zukünftig Veränderungen geben wird steht außer Frage. Die Gefahren für das Fernsehen werde ich auch noch aufzeigen.
Aber das wichtigste ist jetzt die langfristige Strategie richtig hinzubekommen und nicht in schnellen Aktionismus zu verfallen. Genau diesen Punkt will ich mit den Gründen für das Fernsehen unterstreichen.
Und da der Vortrag über 20 Seiten geht werde ich ihn in Schnipsel posten, das heißt ich freu mich schon auf die Prügel für die weiteren Gründe für das Fernsehen ;-) Aber diesen Spannugsbogen lass ich mir nicht nehmen …
Gruß bertram
Kommunikation, was war das noch: Sender – Mitteilung -Empfänger.
Wir sind in einer Zeit groß aufgewachsen in der wir hauptsächlich Empfänger von audiovisuellen Mitteilungen waren deren Sender wir nicht persönlich kannten. Auf den neuen Videoportalen im Netz kann man als einzelner Sender jetzt audiovisuelle Mitteilungen an für eine große Zahl von Empfängern, die er meist nicht kennt veröffentlichen.
Einzelne Personen können Massenmedien veröffentlichen.
Das ist meiner Meinung nach ein notwendiger Zwischenschritt, aber das Ziel und auch die Verwirklichung des Potenzials elektronischer, audiovisueller Kommunikation ist glaube ich erst erreicht, wenn !persönliche! Kommunikation mittels e-AV-Medien bereichert wird.(Und damit meine ich nicht Videotelefonie, obwohl die auch dazugehört) Es geht mir um das benutzen von Film/Videosprache . Die benutzen bei youtube nur sehr wenige Leute bewußt.
Wenn mehr Menschen beginnen mit (bewegten) Bildern, die in einem zeitlichen Kontext stehen, bewußter zu sprechen, wird man das heutige Herzeigen vor einer angeblichen Weltöffentlichkeit anders bewerten.
Gruß! Sven
Hallo Sven,
ein sehr interessanter Gedankengang. Denke auch, dass sich eine visuelle Sprache entwicklen wird und wer es schafft diese Sprache in eine Form zu kanalisieren, wie es z.B. mit den SMS gelungen ist kann mit ähnlichen Erlösen rechnen ;-)
Gruß bertram