Deutsche Videohoster auf Irrwegen.

Update 5.11.2007, Herr Engelbracht von Clipfish hat mich mit korrekten Informationen zu Clipfish versorgt. Korrekturen finden sich im Text.

Vor einem Jahr war ich optimistisch, was das Potential der deutschen Videohoster angeht. Damals vermutete ich, dass zumindest Einer stark genug sein würde YouTube vor eine harte Herausforderung zu stellen, wenn die Seite auch in Deutschland offiziell an den Start geht. Mittlerweile sehe ich es nicht mehr so positiv und gehe eher davon aus, dass YouTube in nicht allzu langer Zeit den Videomarkt in Deutschland ähnlich dominieren wird, wie es Google bei den Suchmaschinen tut.

Der Grund hierfür ist nicht nur die Stärke YouTubes, sondern vor allem die Schwäche der deutschen Videohoster, die in meinen in Augen letzter Zeit unglückliche Entscheidungen getroffen haben. Deshalb möchte ich in diesem Artikel der Frage nachgehen, wo die Videohoster falsch abgebogen sind – auch wenn es darauf wohl keine befriedigende Antwort geben wird.

Die Zahlen

Zum Einstieg ein paar aktuellen Zahlen, die unter anderem Grund für meine Zweifel sind.

Eine Warnung vorweg: Auch wenn nackte Zahlen gerne dazu verleiten etwas als Fakt zu sehen, bitte ich die hier angeführten Zahlen als Trends zu sehen – die Vergleiche zu meiner alten Auswertung sind mit besonderer Vorsicht zu genießen.

Vor ziemlich genau acht Monaten habe ich die Toplisten von MyVideo, Clipfish und Sevenload auf die Abrufe der darin enthaltenen Videos untersucht. Die Systematik wurde auch für diese Untersuchung beibehalten: Es wurden die Abrufe der Videos mit den Positionen 1-60, 101-120, 201-220, 301-320, 401-420 und 481-500 ausgewertet (Stichtag 28.10.2007).

Top Abrufzahlen Oktober 2007 Videohoster

Die untersuchten 160 Videos wurden auf MyVideo ca. 140.6 Millionen (+67,8% im Vergleich zur letzten Auszählung), auf Sevenload ca. 43,7 Millionen (+29,4%) [52,3 Mio. (+54,8%) Erklärung folgt] und auf Clipfish ca. 44,9 Millionen Mal (+70,2%) abgespielt. Um die Relationen zwischen YouTube und den deutschen Vertretern zu verdeutlichen kann man die Abspiele der Top drei YouTube-Videos Evolution of Dance, Avril Lavigne – Girlfriend und My Chemical Romance – Famous Last Words betrachten. Deren Abspiele stiegen im gleichen Zeitraum von 71,6 Millionen auf 160,6 Millionen (+124,1%).

Am Verlauf der Kurven hat sich im Vergleich zur letzten Auswertung (mit zwei kleinen Ausnahmen) nichts getan. Immer noch punkten MyVideo und Clipfish vor allem in der Spitze, wohingegen die Vorteile von Sevenload in der Breite (gleichmäßige Zuschauerverteilung) und an den Rändern (Suchmaschinenoptimierung) liegen.

Während sich das Abspiel:Kommentar Verhältnis bei Sevenload von 70 000:1 auf 56 000:1 und bei Clipfish von 840:1 auf 640:1 jeweils leicht gebessert hat, verschlechterte es sich bei MyVideo von 585:1 auf 770:1. Die durchschnittliche Dauer der Videos hat sich bei MyVideo (1:38min/1:48) und Clipfish (1:30min/1:30) kaum geändert. Sevenload verzeichnet einen Anstieg von 2:12min auf 3:24min, was jedoch hauptsächlich auf einen fast 60 Minuten langen chinesischen(?) Film zurück geht.

Die Auffälligkeiten

Bei der Durchsicht der Toplisten fällt zuerst auf, dass sie von Leechern dominiert werden. Leecher sind für mich User, die sich die (aktuellen) Topvideos aus dem Netz zusammen suchen und diese dann in ihre Accounts hochladen (z.B. MyVideo-Leecher, Clipfish-Leecher, Sevenload-Leecher). Mit diesem Verhalten sammeln sie nicht nur mehrere hundert Videos, sondern auch Millionen von Abspielen und schaffen es zum Teil mit bis zu 18 (!) Videos in die Auszählung.

Besonders betroffen ist Sevenload. Die Top drei Leecher in meiner Liste bringen es auf 41 Videos und 9,2 Millionen Abspiele, was jeweils um die 25% der Gesamtmenge sind.

Bei Sevenload gab es noch eine weitere Auffälligkeit. Das Video Money, get a way wird mit 8,9 Millionen Abspielen ausgewiesen. Ich habe es für diese Untersuchung aus den Daten genommen [obiger Wert ist mit diesem Video], weil ich aus folgenden Gründen nicht glaube, dass es soviele echte Zuschauer hatte:

Verweise und Traffic auf die Topvideos

(1) Fällt es enorm aus dem Rahmen nicht nur bei Sevenload sondern auch bei den anderen deutschen Anbietern. (2) Sieht man bei den Trafficquellen der Videos #2 (hauptsächlich Blogs) und #3 (hauptsächlich YouPorn Suchen) im Vergleich zu #1, dass beim Topvideo ganz offensichtlich äußere Einflüsse fehlen. Eine Blogsuche war ebenfalls nahezu ergebnislos. Woher sollen die Zuschauer also kommen? (3) Wurde das Video von Yannik eingestellt dem Top-Leecher von Sevenload, der sich bereits vor dem offiziellen Start der Plattform am 18.10.2005 registrierte. Er steht also in einer wie auch immer gearteten Beziehung zu den Machern. Seinen „Job“ beschreibt er sehr schön selbst:

War eigentlich YouTube Fan. Bis ich Sevenload gefunden habe! Coole Seite, echt! Habe nun alle Top Filme von YouTube im Netz gesucht, gefunden und nun hier hochgeladen. Viel Spaß beim schauen. Yannik

Das gab den Ausschlag und ich hab das Video aus der Grafik und der normalen Analyse gestrichen. (Yannik hat übrigens mindestens einen Kollegen).

Die Probleme der deutschen Plattformen

Die Leecher sind in meinen Augen Teil eines grundsätzlichen Problems der deutschen Plattformen. Die Inhalte von Clipfish, MyVideo und Sevenload sind sehr stark fremdbestimmt. Entweder werden die „lustigen Videos“ von YouTube und Co. geleechet oder es werden vom Plattformbetreiber wahllos professionelle Inhalte auf die Plattform gestellt. Diese Inhalte passen zum allergrößten Teil nicht zu den Plattformen und dabei macht es keinen großen Unterschied ob es Burda-, Topmodel- oder Deutschland-sucht-den-Superstar-Inhalte sind – sie alle stören das Gleichgewicht der Community, die wenn sie gesund ist selbst dafür sorgt dass die Inhalte auf der Plattform zu finden sind, die sie interessieren.

Dieser „Selbstheilungsmechanismus“ wird sowohl durch das massive Einstellen professioneller Inhalte als auch durch das Leechen untergraben und erschwert. Natürlich hat auch YouTube mit Leechern und professionellen Inhalten zu kämpfen, der Unterschied ist jedoch, dass diesen Einflüssen eine viel größere Community gegenüber steht, die die negativen Effekte auffängt.

Aus dieser Überlegung ergibt sich die generelle Frage ob die deutschen Anbieter überhaupt groß genug sind um über einen ausreichend großen User-Pool zu verfügen der dafür sorgt, dass gute Videos in ausreichender Menge produziert werden und somit die Plattform attraktiv bleibt. Selbst bei YouTube wachsen die Bäume, was entdeckte Talente anbelangt nicht in den Himmel.

Irrwege

Neben diesem generellen Problem sehe ich auch spezifische Probleme der Plattformen.

Sevenload

Sevenload wird seinen eigenen – zugegebenermaßen sehr hohen – Ansprüchen immer weniger gerecht. Zwar produziert Sevenload Shows und finanziert Andere aber abgesehen davon hilft ein Special auf Sevenload unabhängigen Produzenten nur minimal Zuschauer zu gewinnen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass zum Beispiel die TopTRND Show mehr Kommentare auf dem eigenen Blog generiert (370) als die selbe Episode Zuschauer auf Sevenload (299). Nebenbei wird durch die Plattformstrategie von Sevenload (alle Inhalte möglichst exklusiv auf Sevenload) die Chance verpasst Produzenten Werkzeuge an die Hand zu geben um sich mit ihren Clips eine eigenständige Existenz aufzubauen. Dieser Werkzeug-Ansatz wird zum Beispiel von blip.tv konsequent und erfolgreich verfolgt, was ihnen in letzter Zeit viel Anerkennung einbrachte.

Auch bei der Technik musste Sevenload die Führung an andere Anbieter abgeben. Die beste (mir bekannte) Videoauslieferung besitzt momentan BitGravity. Trotz des Atlantiks kann man an jede beliebige Stelle bei der BitGravity Demo, Diggnation oder der GigaOM Show springen ohne lange Pufferzeiten – ja es ist fast Echtzeit.

Für mich zeigen diese Beispiele, dass Sevenload den eigenen Ansprüchen (Technologie-Führerschaft und Fördern von Talenten) nicht mehr umfassend gerecht wird. Daraus ergibt sich für den User, dass Sevenload eben doch nur ein weiterer YouTube-Klon ist – aber immerhin einer mit BigBrother ;)

MyVideo

Bei MyVideo hingegen ist die Luft raus und der Alltag eingekehrt, das einstige rasante Wachstum ist nicht mehr. Mittlerweile bestimmen Umsatz- und Promotionziele die Entwicklung von MyVideo. Angesichts solcher Ziele stellt sich die Frage nach der Motivation der wichtigen Köpfe bei MyVideo vor allem nach der kompletten Übernahme von MyVideo durch ProSiebenSat.1.

So verwundert es nicht, dass seit Januar die Besucherzahlen stagnieren und das trotz massiver Fernsehpromotion, eigener TV-Show und Unmengen an professionellen Inhalten von Musikvideos über Specials und Contests bis hin zu allen möglichen TV-Inhalten. Vielleicht ist ein Videohoster einfach nicht der richtige Rahmen um TV-Resteverwertung zu betreiben.

Traffic MyVideo IVW

Nebenbei wird die Vermarktung von MyVideo mit einer Aggressivität voran getrieben, die ihres gleichen sucht: Kaum ein (User-Generated-)Video läuft mehr ohne Overlay-Werbung und das trotz drei Bannern auf der Seite.

Auf der anderen Seite hat MyVideo gerade einen Plattformstar geboren und eine API gibt es nun auch, ob diese Entwicklungen jedoch ausreichen um MyVideo wieder Momentum zurück zugeben wage ich zu bezweifeln.

Clipfish

Clipfish hat mit ähnlichen Problemen, wie MyVideo zu kämpfen, nur dass die Probleme dort bereits seit dem Start der Seite deren Entwicklung beeinträchtigen. Das Fernsehdenken ist bei Clipfish aufgrund der Eigentümerstruktur quasi genetisch Veranlagt.

Update 5.11.2007, Herr Engelbracht von Clipfish hat mich mit korrekten Informationen zu Clipfish versorgt. Korrekturen finden sich im Text.

Zuletzt wurde Clipfish sogar von Sevenload überholt, doch die Konsequenzen bei Clipfish waren bisher rein personeller Natur: drei (oder waren es fünf?) Projekt-Verantwortliche sind nicht mehr bei Clipfish Es gab keine personellen Konsequenzen, wie mir Herr Engelbracht von Clipfish mitgeteilt hat. Er hat mich ebenfalls darauf hingewiesen, dass Sevenload laut Nielsen-Zahlen zwischen 600 000 und 850 000 Unique Usern im Monat liegt wohingegen Clipfish auf über 2 Millionen kommt.

Wo geht es hin?

In meinen Augen wird es den deutschen Anbietern nur gelingen gegen YouTube zu bestehen, wenn sie schnell Vielfalt und Qualität auf die Plattformen bringen und das in einer Form, die der jeweiligen Community angemessen ist. Also keine Resteverwertung von TV-Inhalten sondern hochwertige Web-Inhalte. Nebenbei könnte etwas Ausmisten helfen, denn nur wenn die guten Inhalte nicht durch Leecher begraben werden nützen sie den Seiten auch etwas. Von daher hoffe ich auf einen baldigen Innovationsschub der deutschen Anbieter ansonsten wird es für sie sehr schwer.


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