Vom Videoblogger zum Plattformstar

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der monatlichen Gugel-Kolumne für das Blog des eVideo Projekts der FHTW Berlin.

Nachdem die Videoblogs der ersten Generation – mit wenigen Ausnahmen – aufgrund der genannten Strukturprobleme nicht wirklich abgehoben haben, bietet es sich an nach den Ursachen zu suchen, die zu einer Transformation des Genres geführt haben könnten.

Aufgrund der technischen Komplexität, waren und sind komplett in Eigenregie betriebene Videoblogs, die große Ausnahme. In der Regel wird von den Videobloggern zumindest das Transcoding und Videohosting sowie die Videodistribution an einen Videohoster ausgelagert. In den USA hat sich Blip.TV als Dienstleister für Videoblogger, die zwar eine eigene Seite betreiben aber eben nicht auch noch Videos managen wollen, platziert. In Deutschland fehlt ein vergleichbarer Service, wobei die meisten Videoblogger hier auf Sevenload ausweichen.

Transformation des klassischen Videoblogs

Der weitaus größere Teil der Videoblogger hingegen macht sich erst gar nicht mehr die Mühe ein eigenes Blog nebenher zu betreiben, sondern beschränkt sich auf eine Präsenz auf YouTube oder einem der anderen Videohoster – meist in Kombination mit MySpace und/oder Facebook. Gerade diese Form des Videobloggens gehörte zu den größten Weiterentwicklungen der letzen beiden Jahre wobei es sich hierbei, wenn man die erfolgreichenVideoblogs“ betrachtet, eben meist nicht mehr um Videoblogs im klassischen Sinne handelt. Sowohl inhaltlich als auch von der Form haben sich die Videos auf den Plattformen weg vom klassischen täglichen News/Erlebnisbericht à la Rocketboom bewegt.

Das liegt vor allem daran, dass die Mechanik des Gesehen-Werdens auf den Plattformen eine Andere. Um ein erfolgreicher Plattformstar zu werden bedarf es nicht nur Inhalte sondern eben auch der Interaktion und den geschickten Umgang mit den Plattformen.

Welche Inhalte auf den Plattformen populär werden, lässt sich zum Teil erklären wenn man den spezifischen Audience Flow auf Videoplattformen betrachtet. Die Zuschauer kommen entweder, weil sie ein spezifisches Video suchen – nicht umsonst ist YouTube, die zweit größte Suchmaschine der Welt oder die Zuschauer kommen um sich unterhalten zu lassen.

Inhalte für Maschinen und Suchende

Will man User gewinnen, die auf der Suche nach spezifischen Videos sind bieten sich die folgenden Möglichkeiten an.

Man gibt ihnen, was sie wollen.

Sprich man lädt Videos hoch, die ziemlich sicher nachgefragt werden. Hoch im Kurs stehen Zusammenfassungen von Fussball Spielen, Germanys Next Topmodel, DSDS aber auch Wrestling. Dass diese Videos in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht von den Rechteinhabern hochgeladen werden, versteht sich von selbst.

Tortzdem erreichen darüber viele User eine Präsenz in den Toplisten und generieren im Idealfall Abonnenten. Später kann dann der Kanal mit eigenen Inhalten bespielt werden. Dies hat, zwar sicherlich nicht mit diesen Hintergedanken, bei Coldmirror gut funktioniert. Mit ihren Harry Potter neu Synchronisationen ist sie auf YouTube bekannt geworden. Nachdem Warner Bros. (nach 1 1/2 Jahren) darauf aufmerksam wurde, mussten die Videos aus dem Account gelöscht werden, was aber der Popularität des Channels und den Abrufzahlen keinen wirklichen Schaden zufügte. Als #1 Abonnierter Kanal kann Coldmirror mit ihren Videos auch ohne Harry Potter ein breites Publikum erreichen.

Man tut so als ob (aka Video-SEO).

Da die Videoportale nicht wissen, was sich in einem Video befindet, sind sie auf die vom User/Produzenten angegebenen Metadaten angewiesen. Diese Daten müssen aber nicht zwangsläufig zum Inhalt passen. Ein Umstand den viel Produzenten ausnutzen um Traffic auf ihre Videos zu lenken. Dabei geht es nicht einzig und allein darum den besten Mix aus Titel, Beschreibung und Tags zu finden, sondern auch darum das Timing und das Umfeld des Videos richtig einzuschätzen und zu bewerten.

Natürlich bedarf es für diese Art der Optimierung viel Fingerspitzengefühl und ein Gespür für aufkommende Themen und Trends. Nalts hat dies mit seinen kurzen Sketchen auf YouTube perfektioniert. Zu jedem im Netz heiß diskutierten Thema wird ein Video erstellt. Sein Video Top 10 Superbowl Ads of 2009 hat die 3,2 Millionen Abrufe sicher nicht allein wegen seinem Können erzielt sondern, weil er das Video vor dem Super Bowls hochgeladen hat und so rechtzeitig einen guten Rankingplatz hatte. Auf YouTube haben die ersten Videos zu Keywords meistens einen klaren Bonus im Ranking.

Unterhaltungsinhalte

Die genannten Techniken manipulieren geschickt den Audience Flow um Zuschauern zu generieren. Diesen Ansätzen ist ein sehr rationales Vorgehen gemein. Neben dem Rationalen gibt es jedoch auch eine weitere Komponente auf den Plattformen, die eher emotional konnotiert ist. Dabei geht es um die User, die unterhalten werden wollen ohne gezielt nach einem bestimmten Inhalt zu suchen. Diese User kann man zwar auch mit oben genannten Techniken lenken, aber da sie nicht auf der Suche sind verlegen sie sich eher auf das Stöbern. Dabei ergeben sich andere Pfade und Nutzungsmuster und natürlich auch ganz andere Chancen für Produzenten.

Die einfachste Art von diesen User gesehen zu werden ist auf den jeweiligen Homepages gefeatured zu werden. Darüber hinaus bieten so ziemlich alle Plattformen verschiedenste Specials über die sie User/Produzenten featuren. Das Problem hierbei liegt darin in diese Programme aufgenommen zu werden. Je nach Plattform werden an die Partner ganz unterschiedliche Ansprüche gestellt (Regelmäßigkeit, Qualität, z.T. thematischer Bezug). Allen gemein ist jedoch, dass es immer eine manuelle Auswahl ist und etablierte Produzenten wie Fernsehsender, Medienhäuser und Produktionsfirmen in diesen Programmen bevorzugt genommen werden. Manche Plattformen haben diese Programme überhaupt erst eingeführt, um an die „hochwertigeren“ Inhalte zu kommen.

Als „normaler“ User muss man sich erst beweisen bevor man aufgenommen wird. Dazu bleibt den Produzenten neben den oben skizzierten Möglichkeiten noch ein anderer Weg offen: die Vernetzung und Kommunikation innerhalb der Plattform. Videoportale sind mittlerweile nicht mehr nur Ablagestellen für Videodateien, sondern reichen in der Funktionalität an (einfache) Social Networks heran.

Somit bietet es sich an diese soziale Komponente auszunutzen und an der Kommunikation teilzunehmen. Zuerst über Kommentare, das in Verbindung-Treten mit anderen User und später dann über Videokommentare und die Bezugnahme im Video auf andere User. Darüber baut sich ein Netz auf, das es dem Einzelnen erlaubt seine Videos innerhalb des Portals zu streuen ohne dafür auf Tricks zurückgreifen zu müssen. Passt der Inhalt kann sich so nicht nur eine Fanbasis aufbauen sondern auch der Samen für Virale-Effekte gepflanzt werden, der den Inhalt in die verschiedenen Toplisten befördert und darüber weiter promotet.

Wechselwirkung zwischen Inhalt und Portal

Diese vereinfacht dargestellten Strategien seine Videos auf den Videoportalen zu promoten und darüber Zuschauer zu generieren, beeinflussen die Inhalte und prägt so die Plattformen, deren Inhalte sich je nach Fokus des Angebots auf den ersten oder auf den zweiten Block unterscheiden.

Phänomene wie Fred kann es nur auf YouTube geben, weil dort die Interaktion enorm lebendig ist. Wohingegen z.B. Vimeo/Sevenload eher die Kreativen und freien Produzenten anlocken, da sie dort unter sich sind. Gerade diese Ausdifferenzierung zusammen mit der technische Entwicklung hat so immens dazu beigetragen, dass heute Inhalte anders produziert und wahrgenommen werden als noch vor knapp zwei Jahren. Es gibt nur noch sehr wenige Produzenten, die an der Kopplung des Videos an ein Blog festhalten und diese einzig bedienen. Diese Befreiung des Video vom Blog hat zu neuen Formaten und Inhalten geführt. Die oben genannten, implizit oder explizit verfolgten Strategien tun ihr übriges den Inhalt zu formen.

Der klassische Videoblog Stil wandelt sich und macht einem Stil Platz, der versucht Interaktion zu fördern und zu fordern, sich thematisch fokussiert und versucht aus der Masse herauszustechen, indem man möglichst einzigartige Inhalte anbietet.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Christoph Stark’s - StarkZumDiplom- Blog regarding my life, my thesis, Web 2.0 + WebTV = SocialWebTV, Action Sports, Music » Vom Videoblogger zum Plattformstar

  2. Eine hilfreiche Zusammenstellung und Übersicht!
    Ich denke, die Videoblogs (die ja nicht an einen Blog gebunden sein müssen, sondern der Blog per se sein können) werden als Genre des Web-TVs bleiben, da die Vlogger eine spezielle Motivation haben, die nicht die Reichweite sein muss. Aber, und das ist wirklich eine neue Entwicklungsstufe, es kristallisieren sich neue Formen heraus.
    – Das Herausstechen aus der Masse ist ja bei jeder kulturellen Praxis das Wichtigste um sich Gehör zu verschaffen, bemerkenswert ist allerdings, dass die Web-TV-Inhalte so weit sind, sich als eine solche Praxis zu begreifen und über das Experimentieren hinaus, stärker auf Reichweite zu konzentrieren.

  3. Das ist sehr interessant und gehört meiner Meinung nach sogar auf die UbuWeb. (Sammlung Avantgardistischer Künstler). Ein interessanter Bericht darüber habe ich auf BONZ bloggt gelesen:

    http://bonz.ch/blog/?p=665

    poetische Grüsse

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