TV-Serien im Netz: Herausforderung und Chance

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der monatlichen Gugel-Kolumne für das Blog des eVideo Projekts der FHTW Berlin.

Letzte Woche hat YouTube den lange erwarteten Premium Bereich auf der Seite live geschalten. Jetzt können die User auch auf YouTube bequem eine (kleine) Auswahl an Fernsehserien und Filmen sehen. Dazu wurden die neuen Rubriken Filme und Serien eingeführt.

Dieser Schachzug war spätestens seit dem offensichtlichen Erfolg von Hulu abzusehen. Das News.Corp und NBC Universal Joint Venture hat es innerhalb von anderthalb Jahren geschafft sämtlichen anderen Videostartups hinter sich zu lassen und rangiert seit kurzem in den USA auf dem vierten Platz hinter YouTube, Fox(MySpace) und Yahoo!. Im Gegensatz zur üblichen YouTube Konkurrenz, die ebenfalls auf UGC setzt, hat Hulu das Wachstum mit der konsequenten Konzentration auf Premium-Inhalte erreicht.

Inhalte, die YouTube für lange Zeit verwehrt wurden, da die Sendern in den (illegale) Kopien auf YouTube eher eine Gefahr sahen, als eine Chance. Vor diesem Hintergrund liefen die Verhandlungen eher zäh, es ist ja nicht so als ob YouTube gerade erst auf die Idee gekommen wäre TV Inhalte zu zeigen. Die Seite spricht fast seit bestehen mit Hollywood und erste Film-Deals wurden bereits Mitte 2008 abgeschlossen.

Die große Neuerung liegt also ist also vielmehr im Layout und der Positionierung der Seite. Zum einen wurde Platz geschaffen um professionelle Inhalte in Zukunft besser zu featuren, zum anderen sollen die User auch das TV- und Film-Erlebnis mit YouTube verbinden.

Gerade diese Neupositionierung wird sehr spannend, denn die momentane Position als größte Videoseite der Welt verdankt YouTube nicht den professionellen Produzenten sondern seinen Usern, die fleißig und treu Inhalte hochgeladen und angesehen haben, und das obwohl es sich oftmals eben gerade nicht um die hochwertige Inhalte handelte. Jetzt aber gilt es die Trennung zwischen den hochwertigen Inhalten, die natürlich möglichst viel Traffic erhalten sollen, weil sie sich gut monetarisieren lassen, und der Masse an UGC-Inhalten zu schaffen. Diese Trennung wird ein interessanter Spagat werden, denn er bedeutet mehr redaktionelle Auswahl auf der Seite, weniger Transparenz in den Ranking und geringere Sichtbarkeit für unabhängige Produzenten und User.

TV-Inhalte: Die Zeit ist reif

Die YouTube-Ankündigung und der Hulu-Erfolg zeigen aber auch noch etwas anderes: Das Abrufen von TV-Serien kommt immer mehr im Mainstream des Internets an. Eine Entwicklung, die im April 2006 mit ABC begann, die zum ersten Mal (legal) Fernsehserien ins Internet streamten. Handelte es sich dabei noch um einen auf einen Monat beschränkten Test, hat die breite Akzeptanz bei Werbetreibenden und Usern schnell dazu geführt, dass Catch-Up TV (Serien für ca. 7 Tage nach dem Air-Date online sehen) Einzug in so ziemlich jede Fernsehwebseite hielten.

Doch es sollte noch ein Jahr dauern bis die Sender anfingen zu verstehen, dass die User die Inhalte nicht unbedingt auf den Senderwebseiten sehen wollen, sondern dort, wo sie TV-Serien im Netz erwarteten. CBS hat auf diesen Wunsch mit dem CBS Audience Network reagiert. News.Corp und NBC haben Hulu als TV-Destination im Netz etabliert, wobei auch Hulu von CBS gelernt hat und mittlerweile ein relativ großes Distributionsnetzwerk betreibt.

Google Trends Hulu, CBS, NBC, FOX

Ein Faktor der das rasante Wachstum von Hulu erklärt, war also sicherlich das ausfüllen einer Marktlücke, die eine fehlende TV-Destination darstellte, ein weitere Punkt ist eine ausgereiftere Technik im Vergleich zu den etablierten UGC-Portalen.

User sind ohne weiteres gewillt bei kurzen Amateurclips eine schlechtere Wiedergabequalität zu akzeptieren. Dies gilt auch für Inhalte, die in keiner besseren Qualität zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel das Video vom beinahe Flugzeug-Absturz in Hamburg. Aber bei TV-Inhalten muss die Bild- und Tonqualität stimmen. Darüber hinaus muss der Player für längere Videos bestimmte essenzielle Playback-Features beherrschen, die bei kurzen drei Minuten Clips nicht ins Gewicht fallen.

Technologische Hürden

Welche technologische Hürden gilt es also zu meistern um TV-Inhalte im Netz anzubieten:

  • Videolänge: TV-Inhalte sind bedeutend länger als “normale” Netzvideos, was dazu führt, dass das Scrubben innerhalb der Timeline und das Springen an bestimmte Positionen derselben enorm an Bedeutung gewinnen. Das Warten bis der ganze Film geladen ist, um ins letzte Viertel zu springen ist keine Option mehr. Des Weiteren bedeuten längere Videos natürlich größere Dateien und somit mehr benötigte Bandbreite.
  • Bildqualität: Die normalerweise verwendete Bildgröße von 320×240 Pixeln mit Bitraten um die 300 KBit/s ist für TV-Inhalte viel zu wenig. Da gilt es sowohl bei der Bildgröße als auch bei der Bitrate nachzulegen.
  • Quality of Service: Mit einer der wichtigsten Punkte ist die Qualität des Playbacks. Hierbei gilt es viele Hürden zu meistern, die bei den Servern angefangen, über die Verteilung auf verschiedene ISP-Netze, die “last Mile” bis ins Heimnetzwerk und auf dem PC reichen. Über all diese Geräte, Netze und Umstände muss ein möglichst einheitlicher Qualitätslevel gewahrt bleiben und das für alle Nutzer.
  • Digital Rights Management (DRM): Als obligatorische Voraussetzung seitens der Rechteinhaber muss die unerlaubte Weiterverbreitung sowie die Möglichkeit des Downloads verhindert werden.

In den letzen Jahren wurden diese Hürden eine nach der anderen genommen, wobei die Quality of Service immer noch zu wünschen übrig lässt. Anders als die normalen Videos werden praktisch alle TV-Inhalte im Streaming oder mindestens via Pseudostreaming ausgeliefert. Streaming erlaubt es nicht nur, dass innerhalb des Videos einfach gesprungen werden kann, sondern es ermöglicht auch die Bandbreite des Videos dynamisch an die den User zur Verfügung stehende Bandbreite anzupassen, was wiederum zu einem besseren Quality of Service führt, da der Stream bei Einbrüchen in der Bandbreite nicht einfach abbricht.

Konkurrierende Lösungen

Anders als beim Videosharing, wo Flash nicht mehr wegzudenken ist, ist das Rennen bei professionellen Inhalten bedeutend offener. Das liegt daran, dass eine Flash-Lösung, welche die oben genannten Punkte erfüllt, technologisch nicht so einfach umzusetzen ist, als klassische progressive download Videoportale. Im Bereich der professionellen Lösungen konkurrieren deshalb momentan Microsoft Silverlight, Flash und Move Networks um die Gunst der Zuschauer.

Zu Flash muss man nicht viele Worte verlieren, die Technologie ist breit eingeführt, bietet mit den vielen Anknüpfungspunkten sicherlich die flexibelste und ganzheitlichste Lösung von allen und das bei einer Marktpenetration, die weit über der anderen Anbieter liegt. Einzig die Streamingkosten und der Ressourcen-Hunger von Flash, lassen zu wünschen übrig.

Microsoft versucht Silverlight als Alternative zu Flash zu positionieren und hat mit dem Streaming der Olympiade auf NBC und March Madness von CBS zwei enorm populäre Sportereignisse, die über die Silverlight Plattform abgewickelt werden. Der Smoth Streaming Showcase gibt einen netten Einblick, was mit Silverlight alles möglich ist und demonstriert schön die adaptive Anpassung der Bandbreite.

Auch Netflix verwendet Silverlight für seinen Watch-Instantly Dienst. In diesem Fall dürften die Entscheidung jedoch hauptsächlich aufgrund des benötigten DRMs gefallen sein. Dank Silverlight kann Netflix weiterhin DRM geschützte Filme im WMV-Format streamen. Diese sind dank Silverlight nicht mehr nur auf dem PC, sondern auch auf dem Mac abrufbar. Es ist anzunehmen, dass in nicht allzu ferner Zukunft Video-on-Demand-Angebote, wie Maxdome auch Silverlight-Streaming anbieten werden, dann wird es richtig interessant.

Move Networks ist bei weitem der kleinste Player auf diesem Feld aber trotz allem ein sehr interessanter. Move Networks bietet eine End-to-End Lösung, die vor allem bei vielen Fernsehsendern sehr populär ist (in Deutschland z.B. bei ProSieben im Einsatz). Das besondere an Move Networks ist, dass sie die komplette Kette abbilden. Vom Capturen, über die Transcodierung bis hin zur Auslieferung und dem Player hat Move Networks für alle Bereiche eine eigene proprietäre Lösung entwickelt. Dadurch sind sie in der Lage die Streams in einer deutlich besseren Qualität zu geringeren Kosten auszuliefern. Ein Angebot, das vor allem bei TV-Sendern, die HD streamen auf offene Ohren gestoßen ist – nicht zuletzt auch deshalb weil die Qualität bei live Streams und unter Last stimmt. Kein Wunder also, dass ABC, FOX und CW auf diese Lösung setzen.

Konsequenzen

Der kurze technologische Überblick zeigt, dass es nicht ganz trivial ist ein TV-Portal auf die Beine zu stellen. Selbst wenn man die schwierigen Rechte-Verhandlungen außen vor lässt, bedarf es bedeutend mehr Aufwand um ein TV-Portal umzusetzen als dies für ein UGC-Portal der Fall ist. Des Weiteren muss die Positionierung als TV-Destination gelingen und potente Distributionspartner für die Inhalte gewonnen werden. Alles Gründe dafür, dass Hulu einsam seine Runden dreht, während kein ernstzunehmender Verfolger außer YouTube zu sehen ist. Oder glaubt noch jemand an Joost?

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: twive!

  2. DRM scheint mir sehr viel mehr eine rechtliche denn technologische Hürde zu sein. Die Lösung dafür wird hoffentlich sein, dass die Rechteinhaber die schreckliche Idee vom DRM aufgeben.

  3. Pingback: Internet-TV auf der Box? | Digitaler Film

  4. Pingback: HD Videos im Internet | Digitaler Film

  5. Pingback: eVideo 2.0 an der HTW Berlin » Blog Archive » [Gugel-Kolumne] Internet-TV auf der Box?

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>