Ist Livestreaming ein Alleinstellungsmerkmal?
Von Bertram am 27. September 2009. Abgelegt unter Artikel, Business, Digitaler Film, Distribution, Internet TVSeit Twitter die Echtzeit im Web etabliert hat, kann es nicht mehr schnell genug gehen, bis ein Inhalt im Internet ist. Eigentlich genau der richtige Trend um Livestreaming im Internet so richtig abheben zu lassen, sind es doch gerade die bewegten Bilder, die mit “live” als erstes assoziiert werden. Kein anderes Medium hat diesen Kult so konsequent gepflegt und als Differenziator etabliert, wie das Fernsehen.
Ist es also nun soweit, dass die Echtzeit im Web mit der Echtzeit im Fernsehen zusammenwächst? Das Gegenteil ist der Fall. Während Twitter das Web erobert, will das live Videostreaming nicht so recht abheben.

Die verschiedenen Dienste wie Justin.TV, UStream, Livestream oder Stickam weisen im letzten Jahr eine mehr oder weniger gleichbleibende Besuchermenge auf, und das obwohl es mehr als genug Anlässe gab, die zu einer Initialzündung hätten führen können. Doch keinem der dedizierten Livestreaming-Anbieter haben diese Anlässe genutzt.

Woran liegt es, dass Twitter performt und Video-Livestreaming weiterhin in den Kinderschuhen steckt? Die Antwort darauf liegt im Verhältnis von Random-Access und Sequential-Access begründet. Während unsere Augen random-access-fähig sind, können unsere Ohren nur linear Informationen aufnehmen. Das ermöglicht es uns Tweets schnell zu filtern und viele Tweets von unterschiedlichsten Personen zusammen zu konsumieren um uns die relevanten Informationen herauszupicken.
Da die meisten Informationen bei Videos auf der Tonspur übermittelt werden funktioniert dieses Vorgehen bei Videos nicht. Wir können uns nicht auf zwei Videofeeds gleichzeitig konzentrieren und spätestens bei drei Videos wird es schlichtweg unmöglich. Wir müssen also die live Feeds linear betrachten in der Hoffnung, dass etwas passiert, das für uns relevant ist. Das bedeutet live Videofeeds ist nicht sonderlich effizient, wenn es darum geht schnell Informationen zu beschaffen, da zu viele Vorbedingungen erfüllt sein müssen:
- Muss der richtige Kanal ausgewählt sein (einer von mehreren Tausend).
- Muss der Kanal zur richtigen Zeit ausgewählt sein (früher oder später können wir auf die Information nicht mehr zugreifen).
- Muss der Ton eingeschalten sein, da die meisten Informationen im Ton versteckt sind.
Dies führt dazu, dass wir Twitter Feeds um ein vielfaches mehr Wert beimessen als einem beliebigen Videofeed, der gerade auf einer der Plattformen publiziert wird.
Einsatzgebiete von Live-Feeds
Das bedeutet natürlich nicht, dass Livestreams im Netz generell keinen Sinn ergeben. Damit ein live Feed auf Akzeptanz stößt, muss er zwei Bedingungen erfüllen: 1) dem User muss klar sein, was ihn im Feed erwartet. 2) der Inhalt des live Feeds muss zeitkritisch sein. Daraus ergeben sich klar abgrenzbare Events, für die sich das Anbieten eines Livestreams lohnt, was sonst noch so live gestreamed wird, ist schlichtweg mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Nicht zuletzt, weil der live Charakter den Filter einer Nachbearbeitung umgeht, was den meisten Videos schlecht bekommt.
Livestreams sind immer dann angebracht, wenn ein Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt viele Leute bewegt und zudem zu einem späteren Zeitpunkt enorm an Nachrichtenwert verliert. Das trifft vor allem auf zwei Arten von Events zu.
1) Events, die eine enorme Aufmerksamkeit erzeugen.
Von Sport über Amtseinführungen, Preisverleihungen bis hin zu Beerdigungen ergeben sich immer wieder solche Anlässe. Diese Events werden typischerweise auch im Fernsehen übertragen, der Livestream im Internet ist eine Ergänzung bzw. Ausweichmöglichkeit für User, die im Büro festsitzen, keinen Fernseher haben oder aus sonstigen Gründen das Broadcast-Signal nicht empfangen können.
2) Events, die nur eine sehr kleine Gruppe von Menschen interessant sind.
Hierunter fallen Events wie Aktionärsversammlungen, Konferenzen und Pressekonferenzen, die jeweils auch zeitkritisch sind. Es wäre extrem ineffizient diese Veranstaltungen über Broadcast zu verbreiten, das Internet hingegen ist wie geschaffen für die Übertragung dieser Art von Veranstaltungen.
Technische Probleme bei Live Feeds
Oftmals wird die fehlende Akzeptanz der Livestreaming-Dienste auch auf technologische Probleme zurückgeführt.
Die traurige Wahrheit ist: Das Web wurde nicht für Live-Video konstruiert und hat auch im Zeitalter omnipräsenter Breitbandanbindungen erhebliche Probleme mit der Verteilung von Bewegtbildern in Echtzeit. [...] Was aber würde passieren, wenn live gesendete Ereignisse parallele Zugriffe in der Dimension eines Fußball-WM-Finales erreichen würden?
Dieses Argument trifft jedoch nicht den Kern. Dass einzelne Startups wie UStream (wie im zitierten Beitrag angemerkt) Probleme mit vielen parallelen Livestreams haben, ist nicht sonderlich verwunderlich. Nicht zuletzt ist die Übertragung von Livestreams über das Internet um einiges komplexer, als das Übertragen von on-demand Videos. Aber aus dem Versagen einzelner Startups auf ein Versagen des Internets zu schließen ist falsch. Dass Livestreams funktionieren, wenn man es richtig macht haben große Events der letzten Jahre gezeigt:
- Live Earth 2007 wurde erfolgreich im Internet verbreitet und führte zu keinem Zusammenbruch sondern zu einem neuen Rekord an parallel übertragenen Streams.
- Die Olympischen Spiele in Peking waren ein online Hit mit über 2000 Stunden gestreamtem Material und bis zu 4 gleichzeitigen Streams von verschiedenen Sportarten pro User.
- Sport-Livestreaming ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. March Madness, MLB, Wimbeldon, Cricket, usw. können live online angesehen werden und wer in die einschlägigen Fussballforen schaut, wird auch zu jedem Bundesliga Spiel einen Livestream im Internet finden.
- Obamas Amtseinführung hatte (wohl) mehr Zuschauer online als im Fernsehen.
- Und weder Obama (7 Millionen simultane Streams) noch Michael Jackson (2,4 Millionen simultane Streams) oder Oprah Winfrey (0,5 Millionen simultane Streams) haben es bis jetzt geschafft durch Livestreaming das Internet kaputt zu machen. Im Gegenteil bei jedem dieser Anlässe war die Experience besser als beim vorhergehenden Livestreaming-Event.
Es bleibt also die Frage: Was aber würde passieren, wenn live gesendete Ereignisse parallele Zugriffe in der Dimension eines Fußball-WM-Finales erreichen würden? Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort. Im Moment gibt es kein Ereignis, das online parallele Zugriffe in dieser Dimension erzeugt. Die genannten globalen Großereignisse konnten mit den richtigen Partnern bewältigt werden, dass 2010 plötzlich weltweit alle das WM-Finale im Internet statt im Fernsehen sehen werden, ist nicht zu erwarten, doch wenn die Zeit für diesen Switch kommt, wird das Netz bereit sein. Genauso wie es im Moment bereit ist den momentan zu erwartenden Ansturm abzufangen. Probleme treten immer nur dann auf, wenn die Anbieter des Livestreams nicht vorher für die Anforderungen gerüstet sind. Dass Ustream in Deutschland eine schlechte Experience liefert ist nicht sonderlich verwunderlich, werden doch die meisten Server im Valley stehen.
Near Live Experience
Doch wie passt der Trend zum Echtzeit-Web und die mangelnde Akzeptanz von Video-Livestreaming zusammen? Die Antwort darauf liegt in einer near-live Experience. Es geht nicht darum den Moment live zu streamen sondern die Aufnahme möglichst schnell nach Fertigstellung und etwaiger Bearbeitung ins Netz zu bekommen. Schafft der User das Publizieren in vertretbarer Zeit, ist er gerne bereit auf Livestreaming zu verzichten. Nicht umsonst stiegen die mobilen Uploads zu Youtube nach der Einführung des iPhones 3GS um 400%. Der große Unterschied zwischen live und diesen “near-live” Uploads ist, dass für near-live die gleichen Regeln gelten wie für alle anderen Videos auf den Videoplattformen auch. Die Seiten haben somit schon Filtermechanismen, die die Spreu vom Weizen trennen und auch der Zuschauer kann auf on-demand Funktionen, wie Spulen und Pause zurückgreifen, um nur die für ihn relevanten Blöcke des Videos zu betrachten. Und denkt man kurz darüber nach entspricht dies auch viel mehr Twitter als es ein Livestream tut.
Livestreaming an sich ist somit kein wirklicher Mehrwert für den User. Ein Service der nur auf live Videostreams setzt, wird keinen Erfolg haben – mit ein Grund dafür, dass bekannte Livestreaming-Dienste vermehrt auf das B2B-Geschäft setzen (z.B. Livestream oder Stickam(StreamAPI)). Ein reiner Livestreaming-Dienst wird sich auf Dauern nicht durchsetzen können.
Das online Publikum von großen live Events wird natürlich weiterhin wachsen, aber die Zuschauer erwarten die Streams zu den Events auf ihren bekannten Portalen (von Spiegel Online über MSN bis hin zu Bild.de), das heißt alle großen Nachrichtenportale werden in Zukunft vermehrt live Berichterstattung anbieten müssen.
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Ich würde mich auf die Aussage festlegen lassen, dass das Netz womöglich irgendwann für ein echtes Online-only Großereignis bereit sein könnte. Momentan sind wir davon aber einfach noch weit entfernt. Sämtliche von dir gebrachten globalen Ereignisse liegen bei den “Einschaltquoten” noch unter den nationalen Spitzenquoten in Deutschland – und hatten zudem eine schlechtere Qualität als ein herkömmliches Fernsehbild, plus gelegentlicher Aussetzer.
Auch die Kostenfrage möchte ich hier noch einmal anbringen. Bei einer klassischen Fernsehübertragung spielt es auf der Kostenseite keine Rolle, ob 100.000, eine Million oder zehn Millionen Menschen zuschauen. Beim Web-Streaming steigen mit jedem Zuschauer die Kosten für die Nutzung der Infrastruktur, für den Traffic und für die Zahl der Server. Natürlich ist hier weiterhin mit einer Absenkung der Kosten zu rechnen, aber die Frage bleibt, ob es jemals möglich sein wird, Videostreaming über das Netz so umzusetzen, dass sich die Kostensteigerung bei einer Vervielfachung der Streams im Rahmen halten lässt.
Dass ist mein Hauptargument für die These, dass das Netz nicht für Videostreaming gemacht ist. Aber vielleicht unterliege ich hier auch einem Denkfehler?
Ich kann was Sport-Livestreams betrifft die Aussagen in diesem Artikel völlig unterschreiben. Es ist toll, was man heutzutage live im Internet an Sport-Ereignissen mitverfolgen kann, aber wenn’s wirklich wichtige Fussball-Spiele sind wie WM-Finale, Champions-League-Highlights usw. wird’s mühsam. Die Angebote sind zwar da, aber die Qualität reicht einfach noch nicht – kleiner Bildschirm, zu viele Zugriffe zur gleichen Zeit, irakische Kommentare, … da fehlt doch noch einiges um dem Fernsehen wirklich Konkurrenz zu machen.
wir sind nicht “technisch weit entfernt” von der Möglichkeit live zu streamen.
IPv6 würde das mit dem Feature Multicast (gibt’s auch für IPv4) lösen. Die bei den Providern im Einsatz befindliche Hardware kann in der Regel IPv6 und ist Multicastfähig…
Es ist also eher ein nicht wollen, als ein nicht können, weil die Geschäftsmodelle fehlen (aus Providersicht).
Eine Anwendung für livestreams wurde in dem Artikel gar nicht erwähnt: Viele Podcaster, die eigentlich Aufzeichnungen herstellen, streamen mittlerweile Ihre Podcasts auch live. Macht nach all den oben genannten Argumenten (muss ein zeitkritisches Ereigniss sein, etc…) erst mal wenig sinn, funktioniert aber und wird gut angenommen (siehe undsoversum, twit, tim Pritlove, etc…)
Dienste wie qik, ustream, justin.tv funktionieren unter anderem so schlecht, weil man schon eine Community haben muss, der man Sendungen vorankündigen kann, damit dann auch Zuschauer am Start sind…
Podcaster die bereits eine Community haben, streamen aber lieber selbst. ohne die oben genannten Dienste zu nutzen.
Hallo Martin,
ja wir sind momentan noch davon entfernt, dass die WM im Web only übertragen werden kann, da stimme ich dir zu. Ich stelle mir nur die Frage ob es notwendig ist dies zu tun, solange es die Broadcast-Infrastruktur in ihrer jetzigen Form gibt und sich vielleicht das Probelm deshalb erst gar nicht stellt, da die Masse der Zuschauer diese nutzt und nur ein Bruchteil im Web schaut.
Ich gehe zudem stark davon aus, dass die Broadcast-Infrastruktur noch stärker mit dem Internet verwachsen wird, z.B. durch Dienste wie Videoweb und dann kann man je nach Anlass und Gegebenheit den passenden Übertragungsweg wählen.
Vielleicht gibt es später einmal den komplett Switch und dann kann es hoffentlich das Internet auch bewältigen ;)
Viele Grüße Bertram
Ich würde den Unterschied in den Nutzerzahlen eher mit der Unterschiedlichen Aufmerksamkeit erklären. Über Twitter wird allerortens berichtet von Justin.tv hab ich erst gestern etwas gehört und ich bin nicht wenig im Internet unterwegs.