Internet-TV auf der Box?

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der monatlichen Gugel-Kolumne für das Blog des eVideo Projekts der FHTW Berlin.

Mit der freien und einfachen Verfügbarkeit von immer mehr TV-Inhalten im Internet stellen sich nicht nur technologische Fragen sondern auch die Frage, wie diese Inhalte konsumiert werden. Im Gegensatz zu den kurzen Video-Schnipseln bieten sich TV-Inhalte nicht mehr nur zur Wiedergabe im kleinen Browserfenster an, sondern können auch im Fullscreen und gerne mit etwas mehr Distanz zum Bildschirm gesehen werden.

Um mehr Bequemlichkeit beim Internet-TV konkurrieren zwei grundsätzlich verschiedene Lösungsansätze. Der Erste versucht das Video und TV-Erlebnis auf den PC zu bringen. Der Zweite versucht das Erlebnis vom PC und dem Internet auf den Heimfernseher zu bringen. Beiden ist gemein, dass sich noch keine klaren Favoriten hervorgetan haben.

Internet-TV auf der Box

Den „Missing-Link“ zwischen Internet und dem TV herzustellen versucht Roku. Roku ist eine Box, die es erlaubt auf die Video on Demand Angebote von Amazon und Netflix zuzugreifen. Darüber hat der Konsument Zugriff auf über 50.000 TV-Serien und Filme, die er über das Netflix Abo oder gegen Gebühr (Amazon) abspielen kann. Mit einem Preis von rund $100 ist die Box im Vergleich zu den anderen relativ günstig. Rokus Fokus ist es dabei als Hardwarehersteller über die Boxen Geld zu verdienen, ein Ansatz der bei den anderen Anbietern nicht sonderlich weit verbreitet ist.

vudu zum Beispiel verwendete viel Zeit und Energie darauf die Rechte der großen Filmstudios zu erwerben, bevor die Box das Licht der Welt erblickte. Diese VoD Rechte an 14.000 Filmen (1500 davon in HD) sind wohl auch das größte Asset von vudu, nicht umsonst drehen sich die meisten vudu Kooperationen um die Rechte. Zum Beispiel haben sie ihre Software und damit die Filme gerade beim IPTV Anbieter Entone integriert. Trotzdem musste vudu in den letzten Monaten viele Mitarbeiter entlassen und obwohl der Preis auf $150 reduziert wurde (von $299), verkauft sich die Box nicht so gut wie erhofft. Ein Zustand dem die Firma mit einer Öffnung der Box für weitere Services, wie Pandora, YouTube, Flickr und Picasa zu begegnen sucht.

Allerdings ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Box noch keinen reißenden Absatz gefunden hat, wenn es nicht einmal Apple mit dem AppleTV schafft den Markt in Schwung zu bringen. Dabei hat AppleTV beinahe die gleichen Features wie die vudu Box – vudu hat sogar noch dir größere Auswahl an HD-Filmen. Doch anstatt wie sonst üblich bei Apple, wo sich die Gerüchteküche darum dreht was für neue, bessere Features in der Pipeline sind, wird heftig über das Ende der Box spekuliert.

Auch dem wohl alteingesessensten Boxen-Anbieter TiVo laufen die Kunden davon. Die Abonnentenzahlen sind schon seit einem halben Jahr rückläufig. Gibt es also kein Interesse an einer Verbindung des Internets mit dem Fernseher, so dass dort bequem Filme und Videos aus dem Internet gesehen werden können? Das Gegenteil ist der Fall. Die Anbieter verkennen nur die Bereitschaft der Konsumenten sich auf eine Insellösung einzulassen. Währen eine partielle Öffnung hin zu ausgewählten Diensten wie YouTube nett ist kann keiner vorhersagen, ob dies der einzig interessante Service bleiben wird oder ob nicht zum Beispiel die Möglichkeit Hulu auf der Box zu sehen in Zukunft viel interessanter sein könnte. Des Weiteren ist es vermessen anzunehmen, dass User sich eine Box kaufen, nur um über den iTunes Music Store oder den vudu Store Filme zu mieten und dafür womöglich, dann ihren DVR, DVD-Player oder ihre Konsole vom Fernseher abklemmen. Da ist der Roku-Ansatz die Hardware von der Software zu trennen bedeutend interessanter, vor allem dann, wenn zu Amazon und Netflix noch mehr Anbieter hinzukommen.

Es ist ja nicht so, dass die Konsumenten kein Interesse daran haben TV- und Film-Inhalte aus dem Internet auf dem Fernseher zu sehen. Das zeigen die eine Million Netflix-Abonnenten, die über die XBox Filme auf ihren Fernseher streamen. Eine Million sind über 10% der gesamten Netflix Abonnenten und dieser Marke wurde in nur drei Monaten nach Einführung des Features erreicht. Überhaupt wird das Potential für Distribution von Videos, Filmen und TV über Spiele-Konsolen oft unterschätzt. Der große Vorteil von Konsolen ist, dass sie bereits mit dem Fernseher verbunden sind, des Weiteren muss kein neues Gerät angeschafft werden um Videos aus dem Internet zu beziehen. Alles notwendige ist bereits in der Konsole integriert. Von daher ist der Schritt von Netflix schlau und es werden hoffentlich noch weitere Kooperationen mit den anderen Konsolenherstellern folgen.

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Während also in den ungenutzten Konsolen noch so einiges Potential schlummert, schicken sich die großen TV-Hersteller an das Internet und damit Filmdienste direkt in die Geräte zu integrieren. Sony und Philips haben solche Geräte am Markt und sind dabei dazu passende Plattformen und Schnittstellen für Inhalte zu schaffen. Allerdings kämpfen diese Bemühungen damit, dass es noch keinen Standard gibt, was dazu führt dass jeder Hersteller eine eigene Plattform aufbaut, eigene Schnittstellen konzipiert und eigene Interfaces baut. Eine schwierige Situation für Produzenten, Studios und Konsumenten.

Lean Back Internet-TV auf dem PC

Auf der anderen Seite gibt es massive Bemühungen Internet-TV auf dem PC attraktiver zu machen. Das Ergebnis sind Media Player, die folgenden Komponenten enthalten 1) einen Player 2) eine Bibliothek für lokale Medien 3) ein Fullscreen Interface und 4) einen Katalog mit Internetinhalten. Neben den Platzhirschen Microsoft Media Player/Center und iTunes/Front Row gehört mittlerweile auch Adobe Media Player zu den großen Playern. Interessanterweise setzt Microsoft genauso wie bei der Boxen–Konnektivität auch hier auf Kooperationen. Netflix gibt es z.B. auch für das Media Center.

Apple hingegen sieht iTunes immer noch als End-to-End-Lösung sowohl auf der Box als auch auf dem PC. Externe Inhalte können maximal als kostenlosen Podcast eingepflegt werden. Dabei hat Apple gerade mit dem Plattformmodell beim iPhone App-Store gute Erfahrungen gemacht. Die Bereitstellung von Schnittstellen und Werkzeugen für Entwickler hat sich mehr als ausgezahlt, ein ähnliches Modell für Video-, TV- und Film-Inhalte bietet Apple nicht an und auch die anderen beiden Großen öffnen sich zwar partiell aber nicht gänzlich.

So bleibt es Startups vorbehalten diese Lücke zu füllen. Die Participatory Culture Foundation entwickelt seit mehreren Jahren den mittlerweile in Version 2 vorliegenden Player Miro. Leider ist Miro sehr stark auf Podcasts zugeschnitten, so dass er den Anforderungen nur bedingt gerecht wird, denn TV-Inhalte und Filme wurden noch nicht integriert. Besser macht das Boxee. Boxee ist komplett auf das Lean-Back-Erlebnis am PC zugeschnitten.

boxee

Boxee organisiert nicht nur selbständig die vorhandenen Filme und ergänzt sie um fehlende Metadaten (Titel, Beschreibung, Poster), sondern erlaubt es auch aus verschiedensten Quellen im Internet- Filme- und TV-Inhalte zu sehen. Der Dienst hat zudem eine Tradition sich mit großen Namen anzulegen.

Zum einen wurde Apple geärgert, indem Boxee auf dem AppleTV statt der Apple-Software installiert werden kann. Eine Möglichkeit von der so viele AppleTV Nutzer gebrauch machten, dass Apple ein Patch heraus brachte um Boxee rauszuschmeißen (was nicht lange hielt und wohl nicht für die Qualität der AppleTV Software spricht).

Zum anderen hat Boxee eine andauernde Fehde mit Hulu. Hulu kann aus lizenzrechtlichen Gründen seine Inhalte nicht über Boxee abspielen lassen und hat deshalb den Zugriff via Boxee geblockt. Aber auch dieser Block wurde schnell umgangen, so dass die Hulu Inhalte nun wieder auf Boxee zu sehen sind.

Boxee zeigt wie man lokale Inhalte und Quellen mit Netzinhalten kombinieren kann um zu einem möglichst angenehmen Heimkino-Erlebnis am PC zu gelangen. Der Unterschied dabei zu den anderen Media-Playern ist, dass Boxee sich aktiv darum bemüht Inhalte für die Plattform aufzubereiten und dies nicht gänzlich dem Produzenten (iTunes, Microsoft, …) oder dem Konsumenten (Miro) überlässt. Auch die Organisation der Medien, die komplett von der physischen Präsenz getrennt wird, ist in dieser Form eine enorme Erleichterung. Nicht zuletzt hat Boxee auch ein Developer-Programm mit dessen Hilfe sich Produzenten und Entwickler in die Plattform einklinken können.

Was noch fehlt …

Auf beiden Seiten entwickelt sich ein fragmentierter Markt, der so weder für die Produzenten, die Konsumenten noch für die Anbieter von Vorteil ist. Die Anbieter müssen jeweils neu in die Entwicklung identischer Technologien investieren und die Produzenten auf der anderen Seite müssen eine große Anzahl verschiedener Angebot mit verschiedenen Anforderungen bedienen. Die Konsumenten wiederum verweigern diesem Chaos die Nachfrage.

Es gilt also einheitliche Standards auf Geräteseite und einheitliche Schnittstellen auf Anbieterseite zu erarbeiten. Oder einer der Player setzt sich entscheidend durch, so dass er diesen Standard diktieren kann – das ist jedoch eher unwahrscheinlich. Auch wenn Boxee fast alles außer Billing und den notwendigen Kooperationen dafür mitbringt … Workarounds um Blocks werden auf lange Sicht leider nicht ausreichen.

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  1. Pingback: Daily News About Music : A few links about Music - Sunday, 24 May 2009 00:48

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