Vom Feature zur Plattform
Von Bertram am 9. Oktober 2007. Abgelegt unter Artikel, Business, Internet TV, TechnologienVor kurzem brachte Gruner+Jahr die Plattform Floaded an den Start:
Mit den “Loaded Films” auf FLOADED beschreiten UFA und Gruner + Jahr neue Wege auf dem Gebiet der Bewegtbild-Werbung. [...] Eine interaktive Funktion erlaubt es den Usern, den Film an bestimmten Stellen anzuhalten, an denen Produkte der Markenpartner im Bild sind. Eine Art Fadenkreuz, der “Brand Button”, markiert die gerade gezeigten Produkte
Es sind in der Tat neue Wege die Gruner+Jahr beschreitet. Es ist gerade einmal ein Jahr her, dass hier im Blog über die “interaktive Funktion” von Markern/Punkten in Kombination mit Productplacement berichtet wurde. Und auch damals war die Idee noch gar nicht so alt ;)
Doch das ist nicht der Punkt. Das Problem an Floaded ist in meinen Augen ein anderes. Das Angebot wurde um ein Feature aufgebaut, das in meinen Augen nicht ausreicht um Filme im Internet zu refinanzieren und das auch nicht ausreicht eine Plattform attraktiv zu machen.
Productplacement
Poductplacement ist ein großer Markt und als James Bond kann man damit einen Großteil des Filmbudgets decken. Doch James Bond läuft nicht im Internet und hat zudem die positiven Effekte des Productplacements im Film nachgewiesen. Effekte die so bei einer Web-Produktion noch gar nicht untersucht wurden, wenn sie denn überhaupt messbar sind.
Der Artikel letztes Jahr war überschrieben mit “Eine neue Werbeform für Internetvideos” und als genau das sehe ich Poductplacement in Verbindung mit Markern in Videos. Es ist eine Werbeform von vielen, die alle zur Refinanzierung des Films beitragen. Das heißt nur weil im Video Marker zu sehen sind muss man nicht auf andere Werbeformen verzichten, vor allem dann nicht wenn es sich um so aufwendige Produktionen handelt, wie auf Floaded.
Ganz nebenbei könnten sich die Macher einmal das Microsoft Lab, Mojiti und Asterpix ansehen, denn die technische Implementation der Marker oder “Brand Buttons” auf Floaded ist alles andere als gelungen – oder meine Maus ist einfach zu langsam.

Branded-Entertainment
Es kann natürlich sein, dass es nicht darum geht die Filme zu refinanzieren sondern nur darum Branded-Entertainment zu machen. Sollte dies der Fall sein ist für mich nicht nachvollziehbar warum man die Filme auf Floaded versteckt und auf YouTube und MyVideo jeweils nur Teaser veröffentlicht, die anscheinend keiner sehen will.
Wie Branded-Entertainment funktionieren kann zeigten z.B. die legendären BMW Films, die leider nur noch in schlechter Qualität auf YouTube zu sehen sind. Sehr schade, denn das neue BWM Web-TV ist doch sehr langweilig im Vergleich. Von der Machart her erinnert die Floaded-Produktion “Die Erlkönigin” auch stark an diese Filme, nur an die Verbreitung der BMW Films kommt sie nicht heran.
Ein bedenklicher Trend
Es geht mir nicht so sehr darum auf Floaded herumzuhacken, sondern Floaded ist hier nur ein Beispiel für einen Trend im Internetvideo-Bereich, den ich für bedenklich halte. Genauso wie Gruner+Jahr versuchen immer mehr Unternehmen um ein Feature eine Plattform und ein Geschäft aufzubauen. Anstatt sich zuerst zu überlegen welches Problem eine Plattform lösen oder welcher Markt bedient werden soll steht bei vielen Plattformen zuerst ein Feature. Dabei wird übersehen, dass entweder oftmals kein Markt für das Feature existiert oder dass das Produkt kein Endkundenprodukt ist.
Bestes Beispiel sind viele Werbedienstleister für Videos. Da es einfach ist Interaktivität, Banner und Layers in einen Flashvideo-Player zu packen, sprießen Video-AdNetworks, wie Pilze aus dem Boden. Doch letzten Endes bietet jedes Network nur eine Werbeform und kein abgerundetes Produkt an, so kann das nicht funktionieren.
Andere bauen eine Videoplattform rund um einen Filter, der Videos schärft. Prinzipiell ist das Produkt (zumindest die Demos) sehr brauchbar, aber eine Videoplattform dafür braucht es nun wirklich nicht. Entweder man lizenziert das Produkt an existierende Plattformen oder vertreibt es als Desktopvariante, als Plugin usw.
Wenn man eine Plattform rund um ein Feature aufbaut, bleibt nur die Hoffnung, wegen dieses Features von einer großen Plattform aufgekauft zu werden. Genau das ist der online Schnittlösung Jumpcut (von Yahoo!) und der Videotagging-Lösung Mojioti (von Hulu für ca. $10 Mio.) gelungen. Doch beide hatten bereits recht ausgereifte Featuresets in ihren Bereichen. Ob dies den ganzen anderen online Schnittlösungen und Videotagging-Unternehmen ebenfalls gelingt wage ich zu bezweifeln.
Tags: business, film, platform, productplacement, produktion, web-tv, werbung
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2 Kommentare zu “Vom Feature zur Plattform”
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Peter Turi schreibt “Bertram Gugel sieht Gruner + Jahr mit seiner Plattform für Product-Placement floaded.com auf dem Holzweg.”
Hmmmm – so hab ich den Artikel garnicht aufgefasst. Aber hier wird eindeutig “alter Wein in neuen Schläuchen” verkauft. Ich kann dank Nobelpreis-gekrönter Harddisk Beispiele aus 1999 mit “clickable objects” herausziehen – das wollte damals keiner. Gut, das ganze Thema Web-TV steckte noch in den Kinderschuhen. Das ist 2007 definitiv anders. Und es gibt sehr wohl gute “productplacement” Beispiele – nur das floaded Ding bräuchte halt mal ne echte Beratung, die es im Hause G+J ja wohl nicht gibt.
DISCLAIMERS en masse
=================
- Bertram und ich arbeiten projektbezogen (aber nicht bei diesem Artikel!) zusammen
- Das Floaded Beispiel wurde als chancenreich [nice try, don't do it now] – von uns bei Netzflimmern in MUC am 1.10. angesprochen ( http://www.isgweb.com/TV20/netzflimmern_hm.zip = 26 MB)
- Ich bin einer der 3 Gründer von myTV, die mit der (neuen) GF von G+J new media ventures [die ja den G+J Objekten helfen soll sinnvolle, digitale Projekte zu machen - Beweis s.o.] einzigartige Erfahrungen gemacht hat ( http://tinyurl.com/3ckygd )
- Ich berate derzeit u.a. Mitbewerber von G+J
Floaded ist ja ganz nett. Basiert aber auf einem Missverständnis:
Wenn ich den ganzen Bond stoppen will, nur um zu lernen, was für eine Armbanduhr er trägt, wo man sie kaufen und am besten auch gleich bestellen kann.
- Dann ist der Bond entweder hundsmiserabel (boah wie langweilig, geh ich lieber Armbanduhren shoppen).
- Oder sich seh ihn mindestens zum xten Mal (bitte zählen Sie die Filme auf, die Sie a) mehrfach gesehen haben und b) beim xten Sehen sich auch gerne mit etwas andrem als dem Film beschäftigt hätten, als nur dem Film selbst).
Also entweder funktioniert das System nur mit Inhalten, die für sich nicht funktionieren. Oder mit supererfolgreichen Kultfilmen. Oder mit Kindercontent (weil Kinder sich einen Film auch gerne mal zehn Mal hintereinander ansehen. Und dann vielleicht auch mals aufs Knöpfchen drücken, wenn auch nicht geschäftsfähig sind.)
Product Placement funktioniert, weil die Produkte in den Inhaltsfluss integriert sind. Product Placement als virtuelle opt-in Unterbrecherwerbung. Na ich weiss ja nicht.
Originell wär’s vielleicht so: ein Eyeballtracker verfolgt, was ich im Film so verfolgt habe. Und generiert daraus meine virtuelle Shopping/Micro Site-Besuchsvorschlagsliste. Das stört wenigstes nicht beim Bond-gucken.